Das Leben in Marokko,  Meine Erfahrungsgeschichten

Die Nomaden Marokkos heute

Die ersten 6 Jahre meines Lebens in Marokko, sah ich Nomaden Familien nur ab und zu, wenn wir auf dem Weg in die weite Wüste Merzougas oder Erg Chegaggas waren. 2-3 dunkle Zelte aus Ziegenhaar, mit Tieren und ein paar Kindern drum herum, standen etwas abseits von der Straße. Von der Straße auf der auch die teuren Jeeps und Vans vorbeifuhren, die nicht immer nur im Tourismus tätig sind. Meist in der Nähe eines Brunnens der im Nirgendwo stand. Genau im Nichts, in der Dürre, auch da wo die Nomaden Marokkos heute zum Teil leben und so unterwegs sind. Irgendwie ist es schon faszinierend, wie sie da so existieren können. Ohne fließend Wasser, Strom, nur mit ihren Kindern und Tieren. Da es keine Elektronik Zufuhr gibt, gibt es wohl auch kein Handy oder andere Dinge, die für die meisten Menschen heute im Alltag sehr normal geworden sind. Naja, vielleicht haben sie schon eines was man zwischendurch in der Stadt immer mal wieder aufladen kann. Man lebt nach Sonnenaufgang und Untergang sowie Wärme , Regen und Sturm. Manchmal auch sogar Schnee, denn Nomaden leben ja nicht nur in der Wüste, sondern pilgern auch durch den den hohen Atlas, wie zum Beispiel der Ait Atta Stamm.

Wir hielten nie an, da ich es sehr respektlos fand dort einfach hinzugehen und die Menschen wie im Zoo zu beobachten und wenn möglich auch noch Fotos zu machen mit denen ich mich am Ende in den sozialen Medien rühmen würde. Da gab es etliche andere die das taten, ich wollte da nicht zugehören.

Näher dran als ich dachte…

Als ich meinen Mann näher kennenlernte, etliche Zeit vor unserer Hochzeit, wusste ich nur das er aus Tagounit stammte aber ganz modern in Marrakesch lebte und auch dort sein Studium abgeschlossen hatte. Das größere Dorf liegt ca. eine Stunde entfernt von Zagoura, einer Region zwischen Sahara und Atlas. Die Wüste Erg Chegaggas mit größeren Dünen ist von dort aus nur noch eine Stunde entfernt. Auch Tagounit liegt in der weiten Dürre Marokkos, für Abenteurer sehr schön anzusehen! Viele suchen diesen Teil auf, um die endlose Weite, einen Kamel Trek oder auch Wüstenwanderungen zu genießen. Für ein paar Tage ist es auf jeden Fall mal toll zu bleiben und eine andere Welt zu erkunden!

Aber wie woanders auch, ist das reale Leben dort doch in vielen Dingen noch einiges entfernt von normaler Zivilisation, speziell, wenn es um Bildung, Behörden und internes Familienleben geht.

Während wir unsere Hochzeitspapiere erledigten, wäre ich da gerne mal jemandem an die Gurgel gesprungen. Denn da man ja offiziell nicht zusammen leben darf, war Omar auch nach 6 Jahren die er schon nicht mehr dort lebte, noch da gemeldet. Keiner weiß was der andere tut, Papiere verschwinden oder werden vergessen zu bearbeiten und die Einstellung von wegen: “Wenn nicht heute, dann vielleicht nächste Woche oder wer weiß wann”, liegt an der Tagesordnung. Ein sehr extrem relaxtes Dasein, dass aber auch dort den Menschen in vielen Dingen das Leben schwer macht. Ebenfalls ein Grund warum einige, oder die jüngere Generation, in die Städte zieht.

Selbst die Meldebehörde versinkt im Sand und die Spalten der weißen Holz-Fenster müssen von innen mit braunem Klebeband abgedichtet werden, damit nichts durchkommt. Es ist halt ein total anderes Leben, wo auf jeden Fall viele Europäer und auch Leute von hier, die was anderes gewohnt sind, an ihre Grenzen kommen. Immer wenn ich höre, dass dort Deutsche leben, denke ich mir das die aber echt ein hartes Fell haben müssen! Bei den Spaniern gehts ja noch, da ist ja in manchen Regionen des Landes bis heute auch noch einiges sehr ähnlich. Wenn ich dort leben müsste, würde ich wahnsinnig werden und vielleicht sogar Amok laufen!

Ich weiß noch wie die Behörde Omars Vater anrief anstatt uns, nur um ihm mitzuteilen, wie weit unsere Papiere denn wären. Der arme Vater, der da ja gar nichts mitzutun hatte, wurde so mal eben mit dem Zaunpfahl auf Korruption angehauen, natürlich nicht mit direkten Worten aber man verstand den Anruf sehr gut. Trotzdem erledigten wir alles, ohne irgendjemanden zu schmieren, auch wenns etwas dauerte.

Seine Familie, die aus weiteren 3 Brüdern und seinen Eltern besteht, leben auch seit einem Jahr in der Nähe Marrakeschs. In einem Dorf 40 Minuten von hier, in dem die Mieten nicht so hoch sind, denn auch in Marrakesch zahlt man für eine ordentliche schöne Wohnung an die 400 €. Außerdem ist die Schulbildung hier ebenfalls besser und die Jungs hatten mehr Chancen auf Arbeit, besser bezahlte Arbeit. Auch würde ich sagen ist es hier ein zivilisierteres Leben als dort zwischen Sand, Sturm und Chaos, denn wie viele Europäer vielleicht denken, besteht Marokko nicht nur aus Lehmhütten und Sand, sondern ist sonst sehr sehr modern, genauso wie bei uns in Deutschland ebenfalls.

Seine Mutter war letztendlich die, die dort nicht mehr leben wollte, auch wenn sie schon seit mehreren Generationen in richtigen Steinhäusern wohnten. Sie wollte was Besseres für ihre zwei Söhne, die noch bei ihr zu Hause lebten und auch näher bei den anderen dreien sein, die in Marrakesch wohnten. Ein anderer Grund, der sie zu ihrer Entscheidung trieb, war mit die Schwiegermutter, mit der sie seit 20 Jahren nicht sprach und die ihre Söhne durch ganz Marokko trotzdem noch regierte. Ich kann mir vorstellen, dass dies nicht einfach sein musste, wenn man dann noch direkt daneben wohnte! Dazu kamen auch noch die extremen Wetterumstände, wie Sandstürme, enorme Hitze im Sommer und die bittere Kälte im Winter. Denn auch wenn man von klein auf so aufgewachsen ist, bedeutet das nicht das man es immer wieder aufs Neue aushalten kann.

Dagegen gibt es aber auch Nomaden Mütter, die sehr sehr traditionell sind und in der Regel nie wollen, dass ihre Kinder die Dörfer verlassen, egal ob es besser für deren Zukunft ist oder nicht. Die Angst vor dem, was dort in der großen gefährlichen Stadt so lauern könnte, ist da enormer als alles andere. Was ich natürlich dann auch wieder nachvollziehen kann …

Nomaden intern

Die Frauen arbeiten meistens nie und sind zu Hause, mit ihren 3-5 Kindern. Oft wohnt man noch mit 2 Generationen im Haus oder ganz nah beieinander, um sich gegenseitig besser zu unterstützen und natürlich auch, um zu wissen, was so im Leben des anderen los ist. Die Männer sind oft außerhalb des Dorfes irgendwo auf dem Land oder in touristischen Lokalitäten wie Camps und Hotels zuständig. Einige haben auch eigene Kamele oder Quads, die sie stündlich vermieten. Die anderen Ehemänner lassen Frauen und Kinder zurück, um in Marrakesch, Casablanca oder einer anderen großen Stadt dann zu arbeiten. Alle paar Wochen oder Monate kommen sie vorbei um Miete und andere Kosten zu zahlen und Frau und Kinder zu besuchen. Auch wenn das Geld bei vielen da ist, schon alleine durch den enormen Familienzusammenhalt, möchte man so traditionell wie möglich weiter leben. Und jetzt ganz ehrlich, wie viele von den Frauen können denn lesen oder schreiben oder sind sonst irgendwie großartig gebildet? Seit dem Teenageralter wurden sie darauf vorbereitet irgendwann mal gute Ehefrauen zu sein. Sie können waschen, kochen, putzen und auf Kinder aufpassen. Im Idealfall vielleicht auch noch Brot draußen am Ofen backen, Tiere melken und Holz suchen. Für so einige Männer perfekt, denn sie können somit tun was sie möchten, da ihre Frauen nichts hinterfragen oder gar wissen würden. Zu Hause läuft ja alles…

Wir in der Familie haben auch so ein paar Kandidaten, die selbst sehr sehr gut gebildet sind und hohe Positionen im Beruf haben, aber wenn man da nach Hause geht und die Frauen sieht die nur bedienen, dann tut einem das Herz weh. Meistens sind die Mädels bis zu 10 Jahre jünger und kamen natürlich als Jungfrau in die Ehe, was bei den Männern bestimmt weniger der Fall ist. Aber sowas kennen wir ja schon aus anderen Fällen.

Damit will ich nicht sagen, dass alle Berber und Nomaden Männer betrügende, Frauenverachtende Schweine sind, überhaupt nicht. Aber persönlich bekommt man speziell hier bei uns Tourismus ja so mit was los ist. Und verheiratet sind die ab 30 sowieso fast alle, wenn nicht dann auch schon seit 10 Jahren!

Viele Familien, die die in Zelten leben sowieso, ziehen es vor in der Familie zu heiraten, also Cousin oder Cousine. Auch in Marokko eigentlich nicht mehr erlaubt, ist es für sie etwas ganz normales und man bleibt gerne unter sich. Den Bluttest, um vorzuweisen das man nicht die gleichen Gene hat, kann man mit einer Bezahlung beim Arzt umgehen, das ist bis jetzt noch kein großes Problem. Aber da die jetzige Generation ja auch moderner wird, sucht man schon in den Schulen, Universitäten oder auf der Arbeit nach jungen Frauen die infrage kommen würden. Zum Glück, denn Inzest geht gar nicht, erst Recht nicht, wenn man überlegt was da an Krankheiten herauskommen können.

Schulbildung

So leben die Nomaden halt ihr Leben weiter, so wie sie es bevorzugen. Unter sich und gerne auf dem Lande. Auch, wenn das Umherziehen in Zelten doch schon sehr sehr selten geworden ist.

Was ich dann aber wieder nicht verstehen kann, wieso man trotzdem weiter auf die Regierung schimpft. Das die nichts für einen tun und die Menschen im Stich lassen, speziell die Ärmeren. Zum Teil ist da zwar schon was dran, es gibt Regionen die wirklich mehr Unterstützung bräuchten, aber auf jeden Fall nicht immer.

Und wie soll man helfen, wenn nichts angenommen wird, nur weil es einem nicht in den Kram passt. Man kann ja nicht 200 Jahre zurückgehen, nur weil ihr so lebt und das weiterhin so wollt, das geht auch hier 2019 nicht mehr. Sehr schade für die Kinder, denn speziell Nomaden die noch in Zelten leben, haben keine Schulbildung. Sie ziehen fast jede Woche zum nächsten Ort, wo ihre Tiere frisches Gras finden können. Dann kommen Touristen zufällig vorbei, die natürlich viel Mitleid haben, speziell wenn sie die ganz Kleinen mit ihrer schmutzigen Kleidung und den zerzausten Haaren sehen und geben Almosen ab. Aber was da wirklich hinter steckt, kann man ja als Außenstehender nicht wissen. Denn auch Nomaden haben Ausweise und auch Bankkonten, die oft nicht leer sind.

2010 wurde dann ein Schulzelt im hohen Atlas zur Verfügung gestellt. Hier sind zum Beispiel die Nomaden des Ait Atta Stammes unterwegs. Dieses geschah aber auch nur mit der Auflage, dass die Familien endlich sesshaft werden müssen. 6 taten es und ihre Kinder gehen regelmäßig zur Schule, auch wenn es weit abseits der Zivilisation liegt. Der städtische Lehrer muss jeden Tag 2,5 Stunden zur Schule hin und den gleichen Weg wieder zurücklaufen, da es keine Unterkunft für ihn gibt und die Familien wollen auch nicht ins Dorf umsiedeln, sie wollen traditionell weiterleben. Bei schlechtem oder zu heißem Wetter sowie hohem Schnee im Atlas, fällt die Schule dann ganz aus, manchmal monatelang. Aber immerhin lernen die Kleinen schreiben und lesen, was sie damit später machen können, ist aber die Frage.

Auch Kinder in die Welt zu setzen, ohne wirklich etwas zu haben, wie Möbel, Geld für Ärzte und Schulbildung usw. ist für mich immer unverständlich, gerade hier in Marokko wo es kein Sozialsystem gibt, dass einen im Notfall auffängt. Jetzt letzte Woche erst, ist ein 4-jähriger im Atlas von einem Touristen-Jeep überfahren worden. Der Fahrer hatte keine Schuld, da das Kind mit anderen Freunden auf der Straße umhersprang, die sehr befahren ist. Die Eltern waren daheim, wurden zum Unfallort gerufen an dem sie ihren Sohn mit zerquetschtem Bein vorfanden. Jetzt fehlt das Geld für eine private Klinik, denn die städtische hat ihm einen Termin im nächsten Januar erst gegeben. Letztendlich, wenn sie von niemandem etwas finanzielle Hilfe bekommen, wird er das Bein verlieren, da er dringend operiert werden muss. Im schlimmsten Fall kann er auch an einer Blutvergiftung sterben. So ist das hier… Aber man weiß sowas alles vorher, es wird halt nicht ernst genommen.

Auch Hygiene zu Hause, Kindererziehung sowie Regeln aufstellen ist ebenfalls ein heikles Thema. Die Kids kommen oft später im sozialen Leben, wenn sie dann doch in die große Stadt müssen, nicht klar, haben enorme Probleme sich zurechtzufinden, einen guten Job zu bekommen oder im generellen glücklich zu leben. Auch schleppen sie die Ängste ihrer Eltern und die Verantwortung sich um diese ebenfalls kümmern zu müssen, weiter mit durchs Leben.

Und denkt jetzt nicht das ich mich als Deutsche etwas anstelle, weil ich es anders gewohnt bin. Ganz im Gegenteil, auch unter den Marokkanern ist es etwas Unakzeptables das in dieses Zeitalter einfach nicht mehr reinpasst. Denn es gibt alles und vieles wird kostenlos angeboten, man muss nur mal aus sich herauskommen und was annehmen. Speziell für die Kinder ist es ganz traurig, denn auch diese werden ihre genauso erziehen wie sie es zu Hause gelernt haben, speziell, wenn sie ihre Cousine heiraten und im gleichen Dorf bleiben. Aber wie ich in meinem Schwiegermutter-Blog schon mal beschrieb, ist es einfach eine andere Welt, die auch die Nomaden nur so kennen. Sie erlernen gar nicht die Fähigkeit sich mal etwas mehr zu öffnen und was zu ändern. Oft kommt es mir so vor, dass sie es auch aus Trotz und Stolz einfach nicht wollen, auf ihrer Tradition beruhen und immer nur aufs Land schimpfen, welches aber doch schon vieles tut.

Die Burg

Eines Tages, noch vor unserer Beziehung und als wir in der kleineren Wüste Mhamids waren, schlug Omar vor das wir doch eine richtige alte Lehmburg besuchen sollten, die unseren Gästen, die mit dabei waren, bestimmt auch gefallen würde, da es sehr authentisch sei. Dort in der Kasbah Isfoula wären keine anderen Touristen unterwegs und man konnte das wahre Leben hier so richtig erkunden. Vollauf begeistert, fuhren wir mit dem Jeep hin, durch die kleine Oase mit dem Fluss, Sandhügeln, großen grünen Palmen und etlichen Büschen.

Die Nomaden Marokkos heute

Nach ca. 15 Minuten von der Hauptstraße entfernt, tauchte dann wirklich eine Burg auf, oder das was davon übrig geblieben war, mit aber immer noch intakten Gebäudeteilen. Wir parkten neben einem Brunnen, der wohl ebenfalls noch benutzt wurde, aber per Hand und ohne elektrischen Generator. Eine Art Eimer aus Gummireifen wurde an einer Seilvorrichtung hoch und runtergezogen. Ein sehr interessantes, ausgeklügeltes Gestell.

Die Nomaden Marokkos heute
Die Nomaden Marokkos heute
Der Brunnen

So wie so oft auch, meldet Omar sich gar nicht an, wenn er irgendwo hinkommt. Genauso wie an diesem Tag. Wir liefen durchs Burgtor und der Sandsturm pfiff durch die einsamen engen Lehm-Gassen, vor dem uns aber unsere um den gesamten Kopf gewickelten Turbane gut schützten.

Die Nomaden Marokkos heute

Es waren mit Strohdächern abgedeckte Gassen, die einen ans Mittelalter oder auch Kriegsfilme aus dem Irak oder Afghanistan erinnerten. Dazu auch noch irgendwie sehr mystisch, speziell mit dem Sand der da durch die Luft flog. Als Kind muss es hier bestimmt gigantisch sein zu spielen!

Ab und zu kamen wir an halb offen stehenden Holztüren vorbei, die fast schon ganz im Sand untergingen. Da schien wohl wirklich niemand mehr drin zu wohnen. Am Ende um die Ecke herum, rief er ein paar Namen und klopfte an eine größere alte Holztür und seine kleine Cousine von vielleicht 12 Jahren machte die Tür auf. Sie hatte unverdecktes hellbraunes Haar und freute sich sehr ihren Cousin nach so langer Zeit mal wieder zu sehen. So sehr das auch wir so positiv überrascht waren und ihre schmutzige Kleidung einfach übersahen. Sie wohnten halt hier im Sand und vielleicht hatte sie gerade draußen gearbeitet oder frisches Brot gebacken. Außerdem waren wir ja auch nicht angemeldet.

Kurz darauf kamen noch 2 – 3 Kinder im Teenager-Alter zum Vorschein, so wie seine Tante Mitte 40, die aber leider nur ein Auge hatte. Das andere war einfach weg, wohl durch einen Glasunfall. Und da erinnerte ich mich, dass auch seine Oma keines mehr hatte. Seine Mutter zum Glück schon, aber die traf ich erst viel später. Schon kurios irgendwie und ich hoffte das da nichts anderes hinter steckte. Denn auch hier in dem Dorf, wird bis heute noch schwarze Magie benutzt und man glaubt an traditionelle Rituale. Auch hier merkt man wieder, dass man einfach viel zu weit weg von einer guten ärztlichen Versorgung wohnt. Obwohl wir diese ja haben, so ist es nicht.

Wir gingen hinein, in diesen Teil der Burg, der von Generationen zu Generationen weiter vererbt wurde. Auch sollten dort in den anderen Bereichen noch mehr Familien mit eigenem Besitz leben.

Wie in einem Riad, war dort auch diese große Vorhalle durch ein großes Plastikdach geschützt. Eine Luke muss offen gestanden haben, denn es pfiff und klapperte durchs ganze Haus. Es war sehr bescheiden, sehr leer und von dieser Halle aus gingen 4 – 5 weitere Zimmer ab, in denen sich die Schlafräume befanden. Die Kinder hatten kein eigenes Kinderzimmer, so wie es bei uns üblich ist und schliefen alle zusammen. Die Küche befand sich außerhalb des Hauses und war wirklich etwas sehr Trauriges, auf jeden Fall für uns. Die Töpfe standen auf dem Erdboden, es gab eine spärliche Spüle und einen einzelnen Gaskocher der irgendwo herumstand. In meinen ganzen Jahren hier, egal wie hoch in den einsamsten Bergdörfern ich schon war, hatte ich sowas noch nie gesehen. Es redet ja keiner davon das man jetzt eine Hochglanz Einbauküche haben muss, simpel ist doch auch schön. Aber sauber sollte es sein… Normalerweise war alles etwas organisierter und die Berber Frauen hatten kleine Küchen, um die sie sich kümmerten und die sie auch sehr sauber hielten. Diese Familie lebte hier wirklich im Chaos, wie zurückgelassen in dieser Sandburg.

Unten links neben dem Eingang lagen ausgebreitete Wolldecken mit vielen bunten Kissen auf dem Boden. Davor auf einem Regal stand ein kleiner Flachfernseher sowie noch ein Gaskocher und wir erkannten das dies wohl die Gemeinschaftsecke der Familie sein musste. Seine Tante redete nicht viel, wechselte nur kurz ein paar Wörter, kochte uns Tee und seine Cousine brachte Nüsse und Kekse. Sie waren sehr gastfreundlich, obwohl ich mich nicht so gut fühlte, dass wir hier einfach hineinplatzten. Auch waren die Gesichter meiner Gäste zwar nicht unglücklich und sie sahen sehr erstaunt aus, aber trotzdem bemerkte man etwas Bedrückendes. Klar, so was waren die wenigsten gewöhnt. Man kann von solchen ärmeren Lebensumständen hören oder sie in einer Doku über weit entfernte Länder anschauen, aber live dabei zu sein ist eine andere Nummer. Erst recht wenns nicht im Programm steht und man sich nicht drauf vorbereiten kann. Auch schien die Frau des Hauses nicht so begeistert zu sein, dass Gäste einfach so vorbeikamen bevor sie etwas aufräumen konnten. So sagte sie es auf jeden Fall Omar. Naja, würde ich auch nicht so toll finden, speziell dann, wenn meine Kinder den Gästen noch das gesamte Haus zeigen müssen.

Kurz bevor wir gingen, kam sein Onkel mit seinem neuen, überhaupt nicht günstigem Moped nach Hause. Auch er freute sich sichtlich und ließ uns nicht gehen bevor es Couscous gab. Da er Chefkoch in einem gehobenen Hotel des Ortes war, kochte auch er daheim und nicht seine Frau. Wir erfuhren, das er früher mal beim Militär gewesen war, wurde aber wegen kleiner Haschisch Rauchen entlassen und lebte jetzt mit seinen 5 Kindern so vor sich hin. Diese gingen im Dorf zur Schule und mussten irgendwann dann auch mal in die größeren Städte zum arbeiten oder studieren ziehen. Da die gesamte Familie aber überall in Marokko verstreut war, wäre das kein Problem. Irgendwo kam man immer unter. Also Geld gab es ja schon irgendwie, trotzdem zog man es vor so zu leben.

Und jaaahh, die Familie meines Mannes ist Nomadisch, die einen sehr modern mit Akademiker Titeln und ein paar wenige noch sehr traditionell. Da wir aber wenig Kontakt haben, bis auf den gelegentlichen zu seinen Eltern, bekommen wir da nur leicht am Rande mal was von mit.

Unser Fahrer

Einer unserer jungen freiberuflichen Fahrer, der jetzt so 25 Jahre alt sein muss, lebte bis er 5 war auch noch draußen im Zelt, in der Natur. Er war das jüngste Kind einer größeren Familie und sein ältester Bruder war schon Anfang 20 und hütete Schafe und Ziegen. Sobald der Familie das Geld ausging, wurde ein Tier verkauft. Arm waren sie nicht, sondern durch ihr Vieh sogar sehr wohlhabend, für ländliche Verhältnisse. Aber für den Kleinsten und eine bessere Zukunft für die Kinder, die da noch hinterherkamen, entschlossen sie sich die Herde zu verkaufen und davon ein Haus im nächsten Dorf zu bauen. Sein großer Bruder, der ja niemals zur Schule ging und eigentlich auch nicht mehr als das Nomadenleben kannte, hat heute eine erfolgreiche Transportfirma in Marrakesch. Es geht immer irgendwie, man muss nur wollen und hart arbeiten, auch hier in Marokko.

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