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Das Hochzeits-Festival in Imilchil

Wie ich ja schon in anderen Beiträgen schrieb, besitzt Marokko einen Riesen Kontrast zwischen Moderne und alter Tradition. Es gibt Paare, die sind schon mehrere Jahre zusammen und noch nicht verheiratet, wohnen sogar in einer Wohnung, obwohl dies eigentlich von der Regierung nicht gestattet ist, vor allem nicht von der Religion. Ein uneheliches Zusammenleben oder sogar “der Beischlaf” kann von hohen Geldstrafen bis ins Gefängnis führen. Aber trotzdem sagen die neuesten Statistiken, dass jeden Tag an die 5 unehelichen Kinder hier im Krankenhaus geboren werden. Also schon ein Zeichen, dass viele so leben wie sie es möchten, Religion hin oder her. Natürlich kostet dies aber auch einiges an Geld, dass man erstmal haben muss um alle um sich herum ständig ein bisschen zu “beschmieren” um den Mund zu halten. Sicherheitsdienste im Wohnblick, Nachbarn usw. Nur damit sie bloß nicht die Polizei rufen. Aber auch die müssen einen zusammen im Bett erwischen, was auch nicht so einfach ist… Dazu benötigt man auch als marokkanisch-ausländisches Paar eine Registrierung vom Stadtamt das man sich öffentlich zusammen auf der Straße bewegen darf. Denn es gibt wirklich Kontrollen, die in erster Linie die Touristen schützen sollen. Omar und ich hatten auch ewig lange so eine, welches wir alle 3 Monate erneuern lassen mussten. Hat man keine, wird der Freund direkt für 2 Tage mit auf die Dienststelle genommen.. Also falls ihr einen marokkanischen Freund habt, macht lieber eine!

Dann gibt es auch die Paare, die lernen sich kennen, treffen sich regelmäßig draußen zum Kaffee und leben erst miteinander, sobald sie offiziell verheiratet sind. Halt etwas “anständiger” im marokkanischen Sinne…

Man sagt auch, dass es noch Familien gibt, die den Ehepartner für ihre Kinder aussuchen, was wohl sein kann. Entweder die ganze Familie zusammen, der Vater oder die Mutter. Aber dann eher in den ländlichen Gegenden oder in ganz konservativen Teilen der Städte. Aber im Generellen ist man auch in Marokko “eigentlich” frei und kann bestimmen, wen man heiratet. Auch wird bei einer Hochzeit unter Minderjährigen, die Braut befragt, ob sie wirklich aus eigenem Wunsch her, heiraten möchte. Es gibt auch viele, die sind mit 40 noch ledig und wohnen bei ihrer Familie. Die Männer oft, weil deren Mutter keine Frau akzeptierte und die Frauen, weil sie einfach keinen möchten oder sie keiner nimmt oder warum auch immer.

Aber nicht hier auf dem Hochzeits-Festival in Imilchil! Wie man dieses natürlich auslegt, ist jedem selbst überlassen. Ich bin ja der Meinung das man erstmal ein paar Jahre zusammen sein, miteinander das gleiche Bett teilen und zusammen wohnen sollte, um zu wissen ob man sich überhaupt versteht. Klar, man hat nie eine Garantie das die Ehe für immer bleibt. Aber etwas mehr Absicherung wäre nicht schlecht. Aber so sind halt das Denken und die Mentalitäten in anderen Ländern so ganz verschieden…

Die Sage von dem Paar, dass nicht zusammen sein dürfte…

Hoch im Wüstengebiet des Atlasgebirges in Marokko, liegt ein Dorf namens Imilchil, ca. 6 Stunden mit dem Auto von Marrakesch entfernt. Hier ist das Leben bis heute sehr hart und die Einheimischen werden immer noch mit einem starken Sinn für Kultur und Tradition erzogen. Nicht viele Außenstehende kommen in dieses trostlose marokkanische Dorf, denn der Weg, der hierherführt, ist lang, rau und fast unzugänglich. Wer von euch schon mal in den Todgha Schluchten war, wäre von dort aus ganz einfach dorthin gekommen. Einfach die alte Straße durch die Schluchten bis ans Ende weiterfahren.

Und von hier stammt sie, die Geschichte des Paares, das sich so innig liebte, aber nicht heiraten dürfte. Sie stammten aus zwei Berberstämmen, Aït Sokham and Aït Bouguemmaz , die im Atlasgebirge lebten. Und wie es damals noch ganz normal war, akzeptierten ihre Eltern die Romanze nicht und verboten ihnen, zu heiraten. Hin- und her gerissen zwischen ihren Familien und dem Gedanken an ein gemeinsames Leben, beschlossen Tislet und Isli, sich in den 2 nahe gelegenen Seen,die genauso heißen, sich das Leben zu nehmen. In den Seen die durch ihre heftigen Tränen entstanden… Und es gelang ihnen auch… Fast!

Hochzeits Festival in Imilchil
Der See Tislet

Man sagt, dass sie auch nach ihrem Tod, immer noch nicht in der Lage waren, sich miteinander zu vereinen. Der Berg, der die beiden Seen voneinander trennt, verhinderte das ihre Seelen sich nach dem Tode trafen. Und so blieben sie genauso verzweifelt wie vorher, im richtigen Leben.

Nach diesem traurigen Ereignis entschieden die Familien der verschiedenen Stämme, dass sowohl Männer als auch Frauen selbst entscheiden dürften, wen sie heiraten möchten und wen nicht. Was ich persönlich super finde, wenn es denn auch wirklich so ist. Denn irgendwie stecken die Familien ja trotzdem immer mit drin. Meistens auf jeden Fall!

Mich erinnert diese Story von Tislet und Isli immer an eine Art Ehrenmord, die es ja leider heute auch noch gibt, nicht nur in arabischen Ländern, auch bei uns. Wenn die Tochter oder Schwester jemanden von einer nicht angesehenen Familie liebt und dann hingerichtet wird. Die Paare sind so verzweifelt, können aber auch ohne ihre Familien nicht existieren und sehen oft keinen Ausweg. Auch bei uns in Europa gibt es so einige Tislet und Isli Geschichten… Als ich noch in der Türkei lebte, waren abends die Bars voll mit manchen traurigen Männern, die Raki tranken und zu trauriger Musik vor sich hin litten. Irgendwann früher mal, verloren sie ihre Liebe, da die Familien total dagegen waren. Jetzt waren sie entweder unglücklich verheiratet weil sie auf ihre Familien hörten, bereits geschieden oder immer noch alleine. Viele stürzten sich am Ende sogar in den Tod, weil sie über den Schmerz nicht hinweg kamen….

Das jährliche Hochzeits Festival

Und obwohl eigentlich so gut wie niemand in dieses trostlose marokkanische Dorf kommt, machen sich jedes Jahr in der ersten Woche im September die Bewohner der umliegenden Dörfer auf den Weg nach Imilchil. Genauer gesagt nach Souk Aam and Agdoud N’Oulmghenni, um das Imilchil Hochzeits-Festival zu feiern, dass auch sehr gut als September Romanze bekannt ist. An 3 Tagen tummeln sich hier mehr als 30.000 Menschen mit ihren Kamelen, Zelten und ihren Herden.

Hochzeits Festival in Imilchil

Dieses Festival ist ein großer Bestandteil der Aït Yaazza Kultur, eine Art Hochzeitsfest , aber kein Hochzeitsort und niemand heiratet hier zu dieser gleichen Zeit. Es ist ein marokkanisches Ereignis, dass an die Liebe, den Kummer und die Tragödie erinnern soll, die Isli und Tislet vor vielen Jahren hier widerfuhr.

Aber die Frage bleibt, warum in dieses abgelegene Dorf wandern, um das Imilchil Hochzeits-Festival zu besuchen?

Hochzeits Festival in Imilchil

Nun, Sidi Mohammed El Maghani liegt hier begraben. Er war der Schutzpatron von Ait Haddidou und es wird angenommen, dass jede von El Maghani gesegnete Heirat wohlhabend und dauerhaft sein soll. Das Hochzeits-Festival in Imilchil findet statt, um jungen Männern und Frauen aus verschiedenen Stämmen zu ermöglichen, sich hier zu treffen. Man kann sich hier sogar verloben, aber richtig geheiratet wird dann erst zu einem späteren Zeitpunkt ihrer Wahl. Es ist ein schönes Ereignis, dass von rhythmischer Musik, großen Festen, Gesang, Tanz und natürlich ein wenig Flirten begleitet wird. Die Frauen, die einen Ehepartner suchen, stecken in ganz traditioneller Kleidung, tragen viel Silberschmuck und tanzen die Nächte unter offenem Sternenhimmel. Die Männer machen sich durch ihre weiße Jelaba (Robe) oder ihre feinste Kleidung erkennbar.

Hochzeits Festival in Imilchil

Die Sprache des Flirtens

Um ihr Interesse zu zeigen, ist es ganz traditionell sich zuzunicken oder zuzuzwinkern. Die Männer bringen in der Regel einen Kumpel mit, um sich bei der Auswahl ihrer Braut und der Überwindung ihrer Schüchternheit unterstützen zu lassen. Sobald sie eine Geste von einer Frau erhalten und mit ihr einverstanden sind, können sich beide an den Händen halten. Sobald einer von beiden seine wegzieht, bedeutet dies das kein Interesse besteht und man streift weiter über den Markt, in der Hoffnung dieses Jahr heiraten zu können.
Wenn eine Braut aber den magischen Satz sagt: “Du hast meine Leber erobert”, bedeutet dies, dass sie ihre Liebe gefunden hat. Bei den Berbern (Amazigh), heißt es nämlich, dass die Leber der wahre Ort der Liebe ist, nicht das Herz, denn dieses gesunde Organ unterstützt die Verdauung und das Wohlbefinden.

Hochzeits Festival in Imilchil


Wenn beide sich einig sind und sich mögen, trifft sich das Paar dann mit seinen Familien in einem Zelt, in dem man sich Fragen stellen kann und sich bei warmen Minztee unterhält. Später wird die Ehe im Heimatdorf des Paares ernsthafter arrangiert. Falls diese aber unglücklich endet, kann man sich ganz schnell ohne Probleme scheiden lassen. Beim Imilchil Hochzeits-Festival sind geschiedene oder verwitwete Frauen sogar in der Mehrheit anwesend. Man erkennt sie an ihrem speziellen Kopfschmuck.

Ich persönlich war sehr überrascht, als ich mal die Aussage hörte, dass es besser sei sich scheiden zu lassen als vorher unverheiratet miteinander zu schlafen, das religiöse Gesetz zu umgehen. Dabei dachte ich immer, dass man sich niemals scheiden lassen sollte. Schon allein wegen der Kinder nicht und der Schande die dann über die Familie fällt…

Und jedes Jahr aufs Neue!

Jahrelang war dieses glorreiche Hochzeits-Festival in Imilchil eine geschlossene Angelegenheit, an dem nur Familienmitglieder der beiden angesehenen Stämme teilnehmen durften. Aber als der Tourismus und das Interesse an verschiedenen Kulturen und Traditionen zu wachsen begann, brachten viele Tour Agenturen ihre Gäste hierher. Auch wenn die meisten Touristen und Besucher des Hochzeits-Festivals versuchen, unsichtbar zu bleiben und dem eigentlichen Brauch des Hochzeits-Marktes nicht in die Quere zu kommen, denken viele Väter, dass ihre Töchter in Gefahr seien und sind über den Besuch der “Eindringlinge” nicht sehr begeistert. Obwohl es ein ganz tolles Fest ist, mit viel gutem Essen, den Lebensmittelmärkten und soviel tollen, neuen Dingen zu erleben, war selbst ich aus diesen Gründen noch nicht dort. Ich fotografiere einfach viel zu gerne und möchte die Menschen aber nicht bedrängen oder ihnen ein negatives Gefühl geben, dass ich als “Tourist” hier wie ein Elefant durch den Porzellan Laden schreite. Auch wenn man sagt, dass die Touristen von der Regierung her sehr willkommen wären, fühle ich mich wie ein Eindringling in eine fremde Kultur. Wir müssen ja nicht immer überall sein, oder?

Hochzeits Festival in Imilchil

Wenn du möchtest, kannst du dir auch diese tolle Dokumentation übers gleiche Thema anschauen. Zwar schon etwas älter, aber es zeigt ganz toll, die Tradition und Kultur der Stämme in Imilchil!

Hast du auch schon mal so eine Art Markt erlebt oder etwas ähnliches? Dann erzähl uns doch davon hier unten im Kommentar Feld! Ich würde mich sehr freuen!

Und wenn du mehr über Marokko, die Kultur, Tradition und das Leben hier erfahren möchtest, schau dich doch einfach in meinem Blog um!

3 Comments

  • Kasia Oberdorf

    Das ist ein sehr schöner Beitrag. Eine ähnlich traurige Geschichte von unerfüllter Liebe hatte mir mein Guide in Jordanien erzählt. In Jordanien leben Christen und Muslime friedlich zusammen, doch es war nicht immer so. Circa vor dreißig Jahren verliebte sich der sechsjährige Sohn einer palästinensischen Familie in eine Christin. Sie trafen sich heimlich, das Mädchen besuchte den Jungen auf Arbeit. Dieser hatte damals als Fahrer gearbeitet; tagsüber saß sie bei ihm im Auto, während er Kunden chauffierte, nur um bei ihm sein zu können. Auch kochte und brachte sie ihm Essen, weil sie es nicht über sich bringen konnte, selbst zu essen, ohne ihm den ersten Bissen anzubieten. Der erste Bissen einer Mahlzeit sei ein Zeichen von Liebe und Respekt.

    Zwei Jahre dauerte diese heimliche Verbindung, die umso schöner war, als dass sich die beiden Liebenden nie berührt hatten. Doch dann kam ihre Familie dahinter. Der Vater bot dem Jungen Geld an, dafür, dass der seine Tochter in Ruhe lässt. Er sagte: nenn mir eine Zahl. Egal, wieviel es ist. Der Junge lehnte ab. Als er das nächste Mal versuchte, das Mädchen zu treffen, erwarteten ihn bereits ihre Verwandten. Sie schossen auf ihn und schossen ihn auch an. Daraufhin beendete das Mädchen die Verbindung, aus Angst um sein Leben.

    Es wird nicht überraschen, dass es mein Guide selbst war, der diese Geschichte erlebte. Er zeigte mir die Narben von den Kugeln an seinem Bein und die Tattoos, die er sich vor lauter Liebesschmerz selbst gestochen hatte: sie zeigen lauter Kreuze. Soll bedeuten, dass es ihm egal ist, welche Religion jemand hat…

    Der Junge ist inzwischen über sechzig Jahre alt. Er hat geheiratet und mit seiner jetzigen Frau sechzehn Kinder gezeugt. Das Mädchen aus der Geschichte hat niemals geheiratet. Die beiden haben heute noch Kontakt…

    Da bekomme ich Gänsehaut, egal wie oft ich an diese Geschichte denke… 😊

    • Fobo2019

      Das ist echt eine traurige Geschichte! Passiert aber leider nicht nur den Wenigsten… In der Türkei war es früher noch ganz normal, dass Männer unglücklich jemanden heiraten, den sie nicht lieben und das nur der Gesellschaft und Familie zuliebe 🙁
      Heute ist etwas relaxter und die meisten Menschen gehen schon ihrem Herz oder Kopf nach. Einzelfälle gibt es aber leider immer noch, auch hier in MarokkO!

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