Das Leben in Marokko

Frauen in Marokko – Mehr als nur Kopftuch

Ich kann mich noch sehr gut dran erinnern, an den ersten Tag an dem ich in meinem damaligen Touristensein vor 8 Jahren durch die Medina schlenderte. Diese alte Medina, mit ihren damals noch staubigen Gassen die nicht mal richtig Kopfsteinpflaster hatten. Nicht so wie heute, wo es schon ganz anders hier ausschaut. Es war super heiß und das noch im September. Irgendwo standen sie dann, in einer eigentlich sehr ruhigen Gasse. Käfige mit Chämeleons und Schildkröten drin. Normalerweise zieht so eine Art von Tierhandlung ja bei mir überhaupt nicht, aber irgendwie schaute ich sie mir an, die kleinen Kreaturen und das grüne Ding mit seinen großen rollenden Augen. Und da kam sie schon raus. Nett, lächelnd und sehr hübsch. Eine junge Marokkanerin, vielleicht erst zwischen 18 und 22 Jahren. Aber nicht wie ich es mir so vorstellte, von arabischen Frauen in Marokko mit Kopfbedeckung und langer, weiter Kleidung die keine Körperbetonungen abzeichnen dürfen.

Ganz im Gegenteil! Offene lange Haare, etwas Schlichtes aber doch sehr schönes Make Up, ein kurzes T-Shirt und enge Jeans mit modernen Sneakern. Ich war fasziniert von ihrer selbstbewussten Art und zugleich erstaunt, dass die Welt der Frauen in Marokko doch nicht so war, wie ich sie mir vorstellte. Genau, Frauen in Marokko bestehen schon lange nicht mehr nur aus umher huschenden Wesen mit Hijab oder auch einer Burka an, der Ganzkörperverhüllung…

Und bis heute, bin ich immer noch sehr überrascht, über die extremen Unterschiede zwischen Moderne und alter Tradition hier. Obwohl ich mir auch sehr sicher bin, dass es für einige Mädels innerhalb ihrer Gesellschaft ein harter Kampf sein muss, so zu sein wie sie möchten.

In meinem Fitness Center arbeitet ein Mädchen, die ich so auf der Straße nie wiedererkannt hätte. Denn da trägt sie nur ihr Kopftuch und immer ein langes Kleid bis zu den Schuhspitzen. Aber im Club wirklich nur ein normales Sport Shirt, kurze Shorts und ihr Baseball Cap. Als wäre sie eine andere Person und könnte hier unter den Mädels endlich so sein, wie sie möchte. Oder vielleicht ist es auch mal was anderes, 2 Personen gleichzeitig darzustellen. Draußen und hinter geschlossenen Türen. Immer wenn sie da ist, mache ich mir Gedanken über ihr Leben und wie sie sich wohlfühlen muss. Sie spricht etwas Englisch, sehr gut Französisch und ist auch so ein helles Köpfchen. Ich finde es schade für sie…

Aber wer bin ich schon um das zu verurteilen. Oft geht es auch hier um die Gesellschaft und Frauen in Marokko möchten einfach nur ihre Ruhe haben. Es muss nicht immer was mit Unterdrückung von Brüdern und Vätern zu tun haben. Auch kommt es darauf an, wo genau man lebt und wie religiös die eigene Familie ist. Auf jeden Fall schon ein sichtbarer Kontrast zwischen alter Tradition und mehr Freizügigkeit. Speziell hier bei uns in Marrakesch oder Casablanka und Rabat…

In unserem Shoppingcenter auf der öffentlichen Toilette ist es ganz normal das Mädels sich dort umziehen. Vom langen Gewand und Kopfbedeckung in ein kurzes Kleid und roten Lippenstift. Am Anfang war das Bild sehr verstörend für mich, einfach zu scheinheilig. Scheinheilig ist die Gesellschaft hier auch, genau wie bei uns in Deutschland, halt nur anders.

Fatima Mernissi

Vielleicht kennt einer von sie ja sogar: Die bekannte Autorin und Soziologin Fatima Mernissi, die in dem Buch: “Dreams of Trespass: Tales of a Harem Girlhood”, von ihrer frühen Kindheit in einem marokkanischen Harem erzählt. Ihre Geschichte handelt aus der Zeit zwischen 1940 und 1956, dem Jahr als Marokko seine Unabhängigkeit von Frankreich wieder erzielte

Damals waren sehr viele marokkanischen Haushalte noch traditionelle Harems, in denen Großfamilien unter einem Dach zusammenlebten und die Tradition der Abgeschiedenheit der Frauen in Marokko praktizierten. Genau bedeutete dies, dass Frauen im Harem blieben, dort lebten und dieses auch nur selten verließen. Harem bedeutet übrigens vom Arabischen ins Deutsche übersetzt: “Das Verbotene”, sehr ähnlich wie “Haram”, was “Schande” heißt.

Mernissi beschreibt das Haremsleben in exquisiten Details aus ihrer Sicht als vorpubertärendes junges Mädchen. Das Leben im Harem bedeutete eigentlich nicht mehr, als in einem Gefängnis zu leben. Und nicht nur für sie, auch für ihre Mutter und alle anderen älteren Generationen. Eine Frau konnte den Harem nicht einfach so ohne Erlaubnis eines Mannes verlassen. Auch ist der Harem vollständig von einer großen Wand oder Mauer umgeben, sodass niemand hinein- oder herausschauen kann. Wenn ich es mir genauer überlege, schon eine Art Riad, wie wir sie heute noch haben. Denn da gibt es meistens auch keine Fenster nach außen raus…

Eine Art Sicherheitsdienst am Hauseingang bewachte diesen, beschützte die Frauen und sorgte auch dafür, dass niemand ohne Erlaubnis ein- oder ausging. Auch herrschten strenge Verhaltenskodexe und Praktiken, die innerhalb des Harems befolgt werden mussten. Zum Beispiel mussten alle Familienmahlzeiten zusammen eingenommen werden, die Frauen hatten sich hübsch anzuziehen und auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten.

Die Macht im Harem lag ausschließlich bei den Männern, vor allem bei den Älteren. Aber es gab auch eine starke Hierarchie unter den Frauen selbst, basierend auf Alter, Bedeutung und Status. Verheiratete Frauen wurden besser behandelt als geschiedene Frauen, die eher herablassend betrachtet wurden.

Ihre Tage verbrachten sie zusammen, indem sie Hausarbeiten aufteilten oder verschiedene Aktivitäten wie traditionelle Stickereien und Bastelarbeiten ausübten. Herausgelassen wurden sie nur, um zur Koranschule zu gehen (wo sie auch wirklich nur den Koran und keine anderen Fächer unterrichtet bekamen.) Einmal pro Woche gings dann ins Hamam (ein traditionelles marokkanisches Badehaus).

Einige Harems waren so zusammengesetzt, dass mehrere Frauen einem Mann gehörten, so wie in dem wo Fatima Mernissis Oma lebte. Diese Art von Harem ließ aber dann in den 40er Jahren so langsam nach und zwischen den 50ern und 60ern, der Zeit als die Emanzipation Frankreichs auch in Marokko Fuß fasste, starben sie alle langsam ganz aus.

Heute gehören Harems der Vergangenheit an. Genau genommen so ganz erst ab dem Jahre 2002, seitdem auch das königliche Harem für immer aus dem Königreich verbannt wurde.

Nur die Touristen interessieren sich noch sehr für diese Art von Leben, weil es halt einfach etwas anderes ist. Etwas Mystisches, spezielles. Sie stellen sich ein Harem vor das trotz des Islams existierte, was für viele ja überhaupt nicht zusammen passt. Auch für mich nicht. So wie zum Beispiel ein Bordell inmitten verschleierter, frommer Damen die außerhalb auf den Straßen umher huschten. Dabei war es doch viel mehr als das…

Das Beispiel “Khadija”

Khadija ist ca. Dreißig Jahre alt und lebt sowohl ein traditionelles sowie ein modernes marokkanisches Leben. Sie war eine ehemalige Freiwillige der Peacecorps und hatte das enorme Glück, die einzige Frau in ihrer Familie zu sein, die ihre Ausbildung nach der Hauptschule fortsetzen konnte. Khadija ist eine hochgebildete Frau vom Lande, die deshalb in einem Land wie Marokko sehr auffällt. Ganz besonders in einem Land, indem die Alphabetisierungsrate der Frauen in den Städten bei 56 % und die der Analphabeten bei 54 % liegt. (Diese Raten sind auf dem Land bestimmt noch viel höher).

Aus einem kleinen Dorf zu kommen und ihren Abschluss an einer Universität zu beenden, stellte für Khadija eine erstaunliche Leistung dar. Sie musste großes Glück gehabt haben, dass ihre Eltern ihre Intelligenz erkannten und sie studieren ließen. Und das noch in einer anderen Stadt, nicht mal daheim.

Der Kontrast zwischen Moderne und Tradition

Marokko ist für mich einer der komplexesten Orte der Welt. Es stellt eine manchmal so widersprüchlichen Mix zwischen der westlichen und der arabischen Welt dar, die speziell für uns Ausländer hier, oft sehr schwierig zu verstehen ist. Bestimmt aber auch für die Marokkaner selbst, die nicht selten in der Mitte irgendwo gefangen sind.

Nur ein paar Kilometer von der Küste Spaniens entfernt, entdeckt man diese jahrhundertelangen Invasionen der Römer, Spanier und Franzosen. Marokko bietet einem eine erstaunliche Mischung von Kulturen aus Mittelmeerländern und der arabischen Welt. Kombiniert man diese Vergangenheit mit den heutigen Veränderungen in der Welt, wie zum Beispiel mit der Technologie wie Internet, Smartphone und vielem mehr, bemerkt man bei vielen den immensen Druck, sich in eine westlichere, moderne Kultur bewegen zu wollen. Was ich natürlich auch total nachvollziehen kann! Ich vergleiche es mal mit Eselskutsche und Range Rover direkt daneben oder mit einem Hirten der in 3000 Metern Höhe mit seinem Iphone auf der Wiese chillt. Der Kontrast ist einfach enorm!

Aber was soll man als Frau tun, wenn man aus eher konservativen Familien stammt, wo Religion und die Zurückhaltung der Frau über allem steht? Viele sind den Druck von Zuhause gewohnt und wählen diesen lieber, als wegzugehen und ein freieres Leben zu haben. Wo denn und wie?

Nur ein paar Meter von der alten Medina entfernt…

Gueliz oder die Hevernage, beides sehr moderne Stadtteile Marrakeschs, sind der perfekte Beweis hierfür. Nur 10 Minuten zu Fuß von der eher sehr konservativen Medina in der die meisten Frauen noch mit Kopftuch oder selten auch in Burka umher huschen, erreicht man eine andere Welt. Und nicht die, die man in der Medina vor sich hat. Von Birkenstock Läden, Apple, Zara, Mac und den tollsten Nachtclubs vor denen Range Rover und Maseratis parken – Jaahh, wir haben es auch hier, dass Leben der Western Welt wo sich die Menschen genauso verhalten wie bei uns. Frauen in kurzen Röcken ohne gleich Prostituierte zu sein. Managerinnen von Banken und Hotels, Alleinerziehende die ganze Firmen leiten und den gesamten Haushalt, Kinder, Babysitter und Ex-Mann unter Kontrolle haben. Frauen die zum Teil aus sehr reichen Familien stammen und selbst schon sehr modern aufwuchsen. Viele gingen auf private Schulen oder studierten in Frankreich, Deutschland oder auch Amerika.

Oder die, die irgendwann einmal einen anderen Weg einschlugen und aus ihrer “konservativen” Gesellschaft ausstiegen. Was das für ein harter Kampf gewesen sein muss, kann ich mir nur zu gut vorstellen. Und das alles in der gleichen Stadt, Mauer an Mauer der alten traditionellen Medina. Auch sagt man, dass die Saudi Araber nach Marrakesch kommen um sich all das, was bei ihnen Zuhause verboten ist zu holen: Sex, Alkohol und Frauen! Ein lukratives Geschäft für so manche Marokkaner hier!

Läuft man hier so die Straßen entlang, findet man die gesamte Palette verschiedenster Arten von Kleidung. Beginnend mit der ganz verhüllenden Burka (was aber eher seltener ist), zur traditionelleren Jelaba und Kaftan (lange Roben), die westliche Kleidung (Jeans, Pullover, Blusen) mit oder ohne Hijab (Schleier oder Kopftuch). Immer mehr marokkanische Frauen, vor allem in Casablanca, tragen sogar Highheels und knack enge Jeans mit einem farblich passendem Hijab oder auch gar keinem.

Diese Kontraste sind sehr auffallend und verwirrend, vor allem für eine westliche Frau wie mich. Ich hab zwar damals schon 3 Jahre in der Türkei gelebt und dies alles auch so erlebt wie hier, aber trotzdem ist es in Marokko wieder eine andere Nummer. Der Ruf des Imams zum Gebet und das freie Tragen und Verhalten der Frauen in Marokko passt für mich einfach nicht zusammen.

Dabei sollte ich mich doch eigentlich über so einen großen Fortschritt freuen. Über den Fortschritt das auch Frauen hier jährlich stärker in ihren Rechten werden.

Es ist ja sehr bekannt, dass der Koran besagt, dass es für eine Frau obligatorisch sei, einen Hijab zu tragen. Heutzutage wird es jedoch immer mehr zu einer persönlichen Wahl, als zu einer religiösen Verpflichtung. Das Land Marokko verbietet auch niemandem Alkohol zu trinken oder setzt einem vor, was man zu tragen hat. Es gibt etliche Bars und Restaurants, nicht nur für Touristen! Und die sind jeden Abend vollgepackt! Solange man nicht zu sehr auffällt, kriminell wird, Drogen verkauft, mit seinem schwulen Freund Hand in Hand durch die Straßen zieht oder jemanden schlägt, kann man auch hier leben, wie man möchte! Halt einfach nur etwas bedeckter… Aber es ist nicht so, wie so viele Wirtschaftsflüchtlinge Marokko darstellen nur um ihren Aufenthalt in Europa zu ergattern.

Hijab – Nicht nur aus religiösen Gründen

Denn ja, in arabischen oder muslimischen Ländern gehört der Hijab mit zum Fashion Produkt. Wusstet ihr übrigens, wer den größten Kundenstamm von Victoria Secret ausmacht?! Nichts mit Amerikanerinnen… Frauen aus islamischen Ländern, die Zuhause und unten drunter genauso gekleidet sind wie wir. Oder sagen wir, manchmal noch mehr darauf schauen was sie so tragen, als wir! Nur weil jemand seine Haare verhüllt, heißt es nicht, dass man prüde und altmodisch sein muss. Hat mich auch einige Zeit gekostet, um das zu verstehen. Speziell, wenn ich so in der Umkleide Kabine meines Fitness Centers stehe… Auch die riesige BH Sammlung einer türkischen Freundin von mir ist sehr schön und dazu noch beeindruckend!

Der Islam und die Frauen

Vor der Ankunft des Islams, lebten Frauen eher in “Der Zeit der Unwissenheit”. Frauen in Marokko spielten in manchen Regionen keine wichtige Rolle in der Gesellschaft, außer wenn es um die Wünsche der Männer ging oder wenn sie als Sklavinnen dienten. Bei den Amazight, den Berbern war dies natürlich anders. Dort hatte die Frau schon immer mehr Rechte, auch unter den Männern.

Die Ankunft des Islams im Jahre 622 n. Chr. markierte eine drastische Veränderung im Leben der Frauen. Frauen erhielten drei von der islamischen Religion diktierte Grundrechte: Das Recht zu leben, das Recht als Mutter geehrt und respektiert zu werden, und das Recht, ein Unternehmen zu besitzen und arbeiten zu dürfen. Ich weiß, hört sich trotzdem noch sehr makaber an, ist aber im Gegensatz zum Leben davor, schon für einige um einiges besser…

Diese Rechte haben das Leben der Frauen und die Art wie sie behandelt wurden in der Männer dominierenden Gesellschaft doch enorm beeinflusst. Nach und nach konnten sie sich etwas behaupten und bekamen mehr Respekt als zuvor.

Ich will hier aber die Rechte der Frau im Islam gar nicht schön reden. Wer mich persönlich kennt, weiß was ich von Unterdrückung oder Kontrolle halte, egal von welcher Religion diese ausgehen. Für mich ist jede Frau in einer Religion unterdrückt.

Was genau ich sagen will ist, das ein Fortschritt stattfindet, speziell diese letzten Jahre bemerkt man diesen sehr extrem unter den Frauen in Marokko.

Aber klar, wenn man ihre Rechte mit unseren vergleicht, liegen da auf jeden Fall noch Welten dazwischen. Es herrscht noch eine enorme Unterdrückung, ein Zwiespalt zwischen Moderne und Tradition. Selbst ich weiß oft nicht wie ich mich verhalten soll. Wenn ich zu nett bin oder zu viel rede, wird dies bei manchen gleich “billig und willig” interpretiert. Mit der Kleidung ist es genauso.

Wenn ich bei mir Zuhause am Pool sitze und mich umschaue, kann ich dies perfekt erkennen: Die marokkanischen Frauen im Bikini die mit Kids und Ehemann einen schönen Sommertag verbringen, dann die Frauen in Burkini, die trotz ihres Glaubens verdeckt ins Wasser gehen und ihren Vorlieben trotzdem nachkommen und dann die, die niemals ins Wasser gehen würden. Aber ob Letztere wirklich unterdrückt wird, das ist hier die Frage. Ich habe viele Frauen in Marokko kennengelernt, die sich für die moderne Welt, freizügigere Marokkanerinnen und auch uns Europäerinnen sehr schämen. Ich habe Marokkaner kennengelernt, die pastou nicht wollen, dass ihre Frauen den Hijab tragen.

Es ist halt schade für die, die nicht so das Geld haben sich ihren Freiraum finanziell zu erschaffen. Denn wenn du reich bist, kannst du hier machen, was du willst. Die Kohle blendet…

Auf dem Land sieht es aber noch anders aus…

Die Unabhängigkeit Marokkos von Frankreich im Jahr 1956 bedeutete auch eine bedeutende Veränderung für die Rechte der Frauen in Marokko. Eine der größten Veränderungen war das Recht, zur Schule zu gehen und eine Ausbildung zu machen, etwas mehr zu lernen als Haushalt und Kinder hüten. Vor 1956 durften Frauen nur Koranschulen besuchen, die sie hauptsächlich über Religion unterrichteten und keine Naturwissenschaften, Mathematik, Kunst, Geschichte, Politik usw. lehrten.

Aber trotzdem ist auch bis heute das Problem der Schulbildung bei den Mädchen, speziell auf dem Land, nicht beseitigt. 64 % der Frauen sind dort nie zur Schule gegangen und 90 % von ihnen sind sogar noch Analphabeten. Selbst meine eigene Schwiegermutter, die erst 46 Jahre alt ist, hat erst dieses Jahr arabisch schreiben und lesen gelernt. Auch ist sie noch ganz primitiv und konservativ in ihrem Denken. Für sie wäre es auch ok, wenn man innerhalb der Cousinen und Cousins noch heiratet! Ganz geschweige von ihren Schwestern, die immer noch in der Sahara leben… Da könnt ihr euch ja auch vorstellen wie glücklich sie über Omars und meine Ehe ist! Aber das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum wir nicht so auf dem gleichen Nenner stehen…Sie versuchte schon einige Male mich auf die Palme zu bringen, was am Ende aber nicht funktionierte. Von sowas muss ich mich immer distanzieren, um nicht wahnsinnig zu werden…

Das Mudawana Gesetz

Enorme, fortschrittliche Veränderungen fanden in Marokko seit dem Machtwechsel zum derzeitigen König Mohammed VI statt. Dieser ist Nachfolger seines Vaters Hassan II, der im Jahr 1999 verstarb. Hassan II. war dafür bekannt, mit eiserner Faust zu regieren, war sehr strickt und Meinungsverschiedenheiten über seine Macht wurden unterdrückt. Wie, kann man sich ja vorstellen. Obwohl ich der Meinung bin, dass ein paar Jungs hier, die den Hintern nicht hoch bekommen oder zu kriminell sind, eine striktere Hand benötigten…

Im Jahr 2004 führte Mohammed VI. das mit Spannung erwartete Mudawana ein, ein Gesetzbuch, das die Rechte der Frauen dramatisch veränderte. Sie gab ihnen entscheidende Rechte auf Scheidung, Sorgerecht, Eigentum, Erbe sowie Unterhalt. Vor diesem Gesetz gab es sogar kein begrenztes Heiratsalter (was bedeutete, dass noch sehr junge Mädchen vor der Pubertät verheiratet werden konnten, ob sie es wollten oder nicht). Auch brauchten Frauen die Erlaubnis ihres Vaters um überhaupt heiraten zu dürfen. Sie hatten keine Wahl, wenn es um Scheidung ging. Nur der Mann konnte diese überhaupt einreichen. Seit diesem Gesetz sind folgende Änderungen eingetreten, die das Leben der Frauen in Marokko dramatisch verbesserten:

  1. Das gesetzliche Heiratsalter beginnt mit 18 Jahren. Ein Mädchen unter 18, wird vom Staatsanwalt oder Richter alleine befragt ob sie wirklich aus eigenem Wunsch heraus heiraten möchte.
  2. Frauen können ihren eigenen Ehevertrag ohne Zustimmung ihres Vaters unterzeichnen.
  3. Männer können immer noch bis zu vier Ehefrauen heiraten, aber das Gesetz besagt, dass jede Frau eine eigne Wohnung zur Verfügung haben muss. (Dies wird aber wirklich immer seltener). Auch muss die Erstfrau schriftlich zustimmen, dass ihr Mann eine andere Frau heiraten darf.
  4. Die Scheidung kann jetzt von beiden, also Mann und auch Frau eingereicht werden. Auch müssen beide die Papiere unterzeichnen, außer es handelt sich um häusliche Gewalt. So wie auch bei uns in Deutschland.
  5. Ein Ehemann muss Unterhalt zahlen und bei einer Scheidung muss das Hab und Gut halbiert werden.

Wie man wirklich sieht, haben diese Veränderungen das Leben der Frauen in Marokko erheblich verbessert! Speziell für Frauen, die was aus sich machen wollen und mehr Freiheiten möchten, einfach perfekt!

So manche Gesellschaft

Es gibt manche Gesellschaften hier, die sind zum Teil noch so primitiv, dass deren Meinung nach eine Frau nicht alleine oder mit Freunden ins Cafe gehen kann. Möchte sie sportlich aktiv sein und ins Fitness Studio gehen, heißt es, sie will mit ihrem Körper nur den Männern gefallen. Sofort wird sie als schlimmes Mädchen oder gar Prostituierte abgestempelt. Ihre Persönlichkeit, Wünsche und wahre Werte sind da nicht wichtig. Und das kommt nicht nur von den Männern… Unter den Frauen, speziell Schwiegermutter und Schwiegertochter, herrscht auch nicht selten sehr viel Drama, Hass und auch Gewalt, Lug und Betrug. Leider werden die Mädels aber nicht immer von ihren Männern beschützt, da es ja die Mama ist. Die Heilige.

Sexuelle Aktivitäten vor der Ehe sind im Islam strengstens untersagt und werden auch noch hier in Marokko bestraft. Dazu muss die Polizei es aber erstmal wissen. Oft kommt man schon so im ruhigen damit weg. Außer der Nachbar oder jemand anders hat einen auf dem Kicker und fängt an zu plaudern.

Frauen in Marokko die mit unehelichen Babys schwanger sind, sind eine Schande für noch viele Familien. Sollten sie akzeptiert werden, oder sagen wir geduldet, kann es sein, dass ihre Eltern nie wieder mit ihr sprechen, obwohl man zusammen in einem Haus lebt. Bis heute gibt es Frauen, die nach Wissen ihrer Schwangerschaft so viel Angst haben und in die Stadt kommen, um ihr Baby ins Waisenhaus zu geben. Zuhause weiß man es, aber jeder tut so, als wäre alles in Ordnung. Hauptsache das “Balg” ist weg und bringt keine Schande über die Familie.

Laut Statistik werden aber mittlerweile 5 uneheliche Kinder pro Tag in marrokanischen Krankenhäusern geboren.

Der Bikini ist auch hier etwas ganz normales geworden. Aber in manchen Gegenden ist es überhaupt nicht gern gesehen und die Frauen gehen mit ihrer Kleidung ins Wasser. Aber sie kennen es zum Teil auch nur so und deshalb stört es sie nicht wirklich. Für uns etwas Unvorstellbares!

Immerhin geht es trotzdem irgendwie voran

Aber trotz alledem,verändern sich die Dinge hier! Frauen in Marokko sollen sogar häufiger das Internet als Männer nutzen und sind zu den eifrigsten Internetnutzern in der arabischen Welt geworden. Außerdem wurden 2007 34 Frauen ins Parlament gewählt, was 10,4 % aller Plätze entspricht, was nur knapp hinter den 12,5 % der Frauen in der US-Regierung liegt.

Erwartungsgemäß hat das neue Familienrecht (das Mudawana) auch in Marokko viele gesellschaftliche Veränderungen herbeigeführt. Die Scheidungsrate ist sprunghaft angestiegen und das Durchschnittsalter der Ehe ist von Anfang zwanzig auf 28 oder 29 Jahre gestiegen.

Nur die Zeit kann wirklich zeigen, ob diese Veränderungen gut oder schlecht sind, aber insgesamt kann es für Frauen nur besser sein, mehr Selbstentwicklung, Bildung und Freiheit zu haben. Manchmal treffe ich sogar Frauen mit 40, die noch nie verheiratet waren oder seit 20 Jahren schon geschieden sind.

Marokko unterscheidet sich auch enorm von seinen arabischen Mitländern und die Menschen haben großen Respekt und Bewunderung ihrem König gegenüber. Die meisten Demonstrationen und Proteste verliefen äußerst friedlich und gut organisiert.

Ob die Masse die Nase wirklich voll hat und Veränderungen fordert, kann nur die Zeit sagen. Dieses Jahr gab es ein paar Ausschreitungen der Lehrer die bessere Ausbildungen und mehr Geld haben wollen. Auf einer Seite kann ich es nachvollziehen, aber wenn ich mir so junge Lehrer anschaue, die der Meinung sind, dass man Frauen die zu kurze Sachen tragen, am besten den Kopf abschneidet, dann sehe ich nur sein gestörtes Verhalten, welches nichts mit der Regierung zu tun hat! Ich habe hier einige Lehrer getroffen und würde nie akzeptieren, dass meine Kinder von denen unterrichtet werden.

Zumindest macht der König in meinen Augen einen guten Job. Es ist ein riesiges Land, wo nicht alles immer gleich sofort verändert werden kann. Auch spielt hier die Primitivität vieler Menschen eine große Rolle. Wie bei uns, schimpft man immer über die Regierung aber selbst tut man auch nichts! Da kann der König soviel verändern wie er möchte…

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