Das Leben in Marokko

Das Schlachtfest in Marokko… Und ich

Bald ist es wieder soweit, genau genommen dieses kommende Wochenende zwischen dem 11. und 13.08.2019. Genau wie in anderen muslimischen Ländern, findet das Schlachtfest in Marokko wieder statt.

Vielleicht habt ihr ja schon von gehört oder es sogar mal miterlebt. Durch die Zuwanderer Ströme wird es ja auch in Deutschland immer mehr gefeiert, sodass es eigentlich fast unmöglich ist, nichts drüber gehört zu haben.

Aber was es eigentlich genau ist, wieso Muslime es feiern, wie genau das Schlachtfest in Marokko stattfindet und meine eigene Erfahrungsgeschichte dazu, erzähl ich euch hier in diesem Blog Post!

Ibrahim, Ismail und das Schaf

Es heißt ja laut Koran, dass Ibrahim (bei den Juden und Christen Abraham genannt) eines Nachts davon geträumt hätte, dass Allah ihm befahl seinen geliebten Sohn Ismail zu opfern. Zuerst dachte Ibrahim aber, dass dies nur der Teufel war, der ihm Streiche spielte und ignorierte diesen Traum. In der folgenden Nacht trat er jedoch wieder auf und befahl ihm, Ismail zu opfern. Ibrahim sah wohl ein, dass dies kein Zufall war und glaubte stattdessen dran, dass Allah ihm eine Botschaft schickte.

Ibrahim liebte seinen Sohn Ismail zwar sehr, dennoch war er voll und ganz bereit, dem Befehl Allahs zu folgen und zu tun, was er befohlen hatte. Er nahm Messer und Strick und brachte seinen Sohn auf den Gipfel des Berges Arafat. Als sie an einem geeigneten Ort ankamen, erzählte er seinem Sohn von seinem Traum und dem, was Allah ihm befohlen hatte. Der junge Prophet Ismail, ein sehr gehorsamer Sohn, ging sofort auf die Wünsche Allahs und die seines Vaters ein. Er bat darum, dass er ihm doch Hände und Beine fesseln sollte, damit er sich nicht wehren konnte. Auch wollte er, dass sein Vater sich die Augen verband, um seinen geliebten Sohn nicht leiden sehen zu müssen.

Schlachtfest in Marokko
Eigentlich hat man ja im Islam keine Bilder… Ich hab nur mal dieses herausgesucht, damit ihr euch ein besseres Bild machen könnt

Ibrahim tat, um was Ismail ihn gebeten hatte. Mit verbundenen Augen und dem Messer in den Händen tat er, was Allah von ihm verlangt hatte. Als er die Augenbinde abnahm, sah er aber zu großer Überraschung die Leiche eines toten Widders vor sich. Ismail stand völlig unversehrt neben ihm. Zuerst dachte er, dass etwas furchtbar schiefgelaufen wäre und das er die Anweisung seines Schöpfers missachtet hatte. Aber dann hörte er eine Stimme, die ihm sagte, dass Allah sich um all seine Anhänger kümmert und das er sich keine Sorgen machen brauchte. Ein heiliges Wunder hatte stattgefunden. Beide, Ibrahim und Ismail hatten gerade eine schwierige Prüfung von Allah bestanden.

Das Eid al-Adha

Seitdem feiern jedes Jahr während des Monats Dhul Hijjah, dem letzten Monat des heiligen Kalenders, Muslime aus der ganzen Welt das Schlachtfest. Es soll an die damalige tapfere Tat Ibrahims erinnern und auch das alle Muslime weiterhin nach Hingabe, Gehorsamkeit und Unterwerfung leben. Aus diesem Grunde opfern sie Tiere (vorzugsweise ein Schaf, Ziege, Kuh oder auch Kamel) nach speziellen Regeln und Praktiken.

Den Muslimen wird zum Eid al-Adha und auch beim Freitagsgebet fürs gesamte nächste heilige Jahr aufgetragen, Allahs Befehle ohne Widerstand zu befolgen. Die Aufgaben, die er allen Muslimen auferlegt hat, wie zum Beispiel Salat beten, Saum durchführen (das Fasten im Ramadan), Zakat bezahlen (Spenden an Arme, Behinderte und Alte) und die Pilgerreise der Hadsch antreten (Nach Mekka in Saudi-Arabien reisen).

Immer dem Mond nach

Der Mondkalender hat 12 Monate und das Schlachtfest wird am 10. Dhul Hijjah gefeiert, dem 12. Monat des islamischen Kalenders. Dieser gesegnete Tag folgt auf den besten Tag des Jahres, dem 9. des Dhul Hijjah. An diesem Tag versammeln sich alle Pilger, die von weither hierherkamen, auf der Ebene des Bergs Arafat in der Nähe von Mekka im heutigen Saudi-Arabien.

Schlachtfest in Marokko
Tausende von Pilgern auf dem Berg Arafat

Was auch hier sehr interessant und wichtig zu wissen ist, der Beginn eines neuen Monats wird nicht wie bei uns durch Berechnung eines neuen Monats bestimmt, sondern wirklich nur an der Form des Halbmondes samt Übereinstimmung der Hadith des Propheten Mohammeds.

Dieser teilte nämlich mit, dass der Mondmonat entweder 29 oder 30 Tage besitzt. Nachdem dann also die Sonne am 29. Tag untergegangen ist, kann man sich aufmachen und nach dem Stand des Halbmonds schauen. Sieht man ihn, dann ist der nächste Tag der erste des nächsten Monats. Ist er aber aufgrund einer Wolke nicht sichtbar, werden einfach 30 Tage gezählt.

An diesem Tag sollen alle Muslime sich an bestimmte Vorgaben halten (die Sunnas). Darunter gehört zum Beispiel zwischen der Morgendämmerung und dem nächsten Sonnenuntergang ein Bad zu nehmen.

Um es kurz zu machen….

  • Das Eid al-Adha oder auch genannt Opferfest/Schlachtfest ist das wichtigste Fest des muslimischen Kalenders
  • Es findet jedes Jahr am 10. Tag von Dhul-Hijjah, dem letzten Monat im muslimischen Kalender statt
  • Der 9. Tag ist der Tag, an dem die Pilger, die nach Mekka reisen auf dem Berg Arafat stehen
  • Am 9. Tag soll auch gefastet werden
  • Zum Eid al-Adha gehört die Hadsch-Reise (Pilgerreise) nach Mekka al-Mukarrama, welche aber sehr teuer ist und deshalb nicht von jedem einfach so angetreten werden kann.
  • Das Schlachtfest geht ganze 3 Tage die auch Tashreeq genannt werden
  • Dieses Fest soll an die Bereitschaft und Tapferkeit des Propheten Ibrahims, Allah zu gehorchen, indem er seinen Sohn opferte, erinnern
  • Muslime glauben, das Ibrahims Sohn Ismail und nicht Isaak heiße, sowie es im Alten Testament steht. Auch heißt ja dort Ibrahim, Abraham
  • Der Prophet Ismail gilt als der Urvater der Araber
  • Nach der Geschichte des Korans, wollte der Prophet Ibrahim seinen Sohn opfern, indem er ihn mit einem Messer hinrichtete
  • Aber, obwohl sein Messer geschärft war, schnitt es nicht
  • Der Grund dafür soll sein, das egal was auf Erden geschieht, nur durch den Willen Allahs auch wirklich passiert
  • Allah wollte nicht, dass Ismail verletzt wird und beschützte ihn. Seinem Vater gab er stattdessen einen Widder zum schlachten
  • Aus diesem Grunde, opfern auch heute Millionen von Muslime Schafe, Kühe, Ziegen und auch Kamele und geben Teile davon zugunsten Allahs an bedürftige und arme Menschen ab
  • Muslimische Familien essen ungefähr ein Drittel des Fleisches und spenden den Rest an die Armen
  • Es ist für alle von großer Bedeutung, den Bedürftigen zu helfen und sie alle an diesem Tag gleichermaßen glücklich und fröhlich zu machen
  • Die Zeit der Udhiah oder des Opfertiers beginnt mit dem Sonnenaufgang des Eid-Tages und endet mit dem Sonnenuntergang des dritten Tages (der Tage von Tashriq)

Meine Einladung zum Schlachtfest in Marokko

Es war noch im ersten Jahr meines Auswanderlebens hier in Marokko. Dem Jahr in dem ich noch einiges dazu lernte und versuchte Tradition, Kultur und Religion zu studieren. Viele Auf und Abs, schöne und auch weniger tolle Dinge passierten mir, über die ich heute im Nachhinein doch aber sehr froh bin, denn sie halfen mir enorm in den letzten 7 Jahren hier weiter.

Zu der Zeit lebte ich noch in einem kleinen privaten Riad in Kasbah, einem Medina Teil, da wo der noch bewohnte Königspalast steht und die Störche auf den Mauern sitzen. Nicht weit entfernt von den Saadiern Gräbern.

Ich war noch mit dem Boxer zusammen, von dem ich im anderen Blog Artikel schrieb. Ein paar Mal waren wir schon bei seiner Mutter zum Essen eingeladen, meistens zum Couscous, den sie ganz toll am Freitagmittag nach dem heiligen Gebet für die gesamte Familie machte. Sie war eine sehr liebe, tüchtige Dame die nach dem frühen Tode ihres Mannes Haushalt und 4 Söhne auf Trab hielt. Also keine verschleierte Hausfrau die Daheim nichts zu sagen hatte.

Und dieses Mal lud sie mich auch zum Schlachtfest in Marokko ein, von dem ich mir so überhaupt nichts drunter vorstellen konnte. Außer die Wörter “Schlachten” und “Fest” gaben mir eine Idee, die mich nicht gerade sehr happy stimmte. Zwar komme ich vom Lande, sah als Kind öfters wie mein Großvater vor meinem Fenster im Garten den Hühnern den Kopf abschlug und die dann ohne weiter rannten. Aber musste ich das noch mal sehen?!

Auch wollte er das ich unbedingt komme, da ich ja jetzt zur Familie gehörte und auch wissen sollte, was es für Rituale gab. Irgendwie recht hatte er ja. Ich wollte auch nicht respektlos sein und die ja eigentlich nett gemeinte Einladung abschlagen. Außerdem gehörte es ja auch zu Marokko, dem Land wo ich ja wohnte und war deshalb mal eine neue Erfahrung.

Da an diesem Morgen bereits schon alles zu hatte, besorgte ich am Tag zuvor noch eine Keksbox in einer sehr guten Konditorei der Neustadt, um der Dame des Hauses eine Freude zu machen. Außerdem ist es ja auch gang und gäbe, dass man bei Besuchen eine kleine Aufmerksamkeit wie z.B. Gebäck mitbringt.

Also machte ich mich auf

Der Boxer ging schon früher raus diesen Morgen, was mich sehr wunderte, denn normalerweise konntest du ihn an den Tagen, wo er kein Training hatte, nicht vor 10 aus dem Bett kriechen sehen. Er ging wahrscheinlich schon vor, um mit seiner Familie den großen Tag vorzubereiten und wir vereinbarten das ich einfach nachkomme, sobald ich fertig war. Das kleine Riad lag inmitten der alten Medina, der Himmel war etwas betrübt und ich nahm einen leichten Geruch von Feuerrauch wahr. Am Tag des Eids soll man früh aufstehen und mit dem Opfern der Tiere beginnen. Viele Familien machen es so, dass sie pro Mann und seiner Ehefrau jeweils ein Schaf kaufen. Und da ja bis heute noch viele Söhne ihre Frauen nach der Hochzeit mit nach Hause bringen, gibt es oft sogar 2 oder 3 Schafe in der Familie. Diese werden oft 1 – 2 Wochen vorher gekauft und sind auch nicht billig. Eines allein kostet an die 2000 DH, also 186 € umgerechnet. Ein ganzer Monatslohn von den meisten, die in der Medina oder in normalen Verhältnissen leben!

Schlachtfest in Marokko
Speziell in den letzten Tagen sieht man sie überall: Schafe auf den Straßen, in Taxis, Kofferräumen, auf Mopeds und durch die Weltgeschichte getragen

Also lief ich mit der Keksschachtel in der Hand, langer Hose und Langarmshirt die Gasse herunter zur Familie des Boxers. Es war noch September und super heiß, trotzdem wollte ich niemanden mit meinem Longsleeve Tattoo am Arm stören, speziell an diesem heiligen Tag.

Auf dem Weg war alles wie ausgestorben und ich bemerkte den beißenden Geruch von verbranntem Fleisch. Meine Augen fingen an zu tränen. Alle Shops waren zu und an kleinen Ecken zu weiteren Gassen Eingängen saßen Jungs, die eifrig Köpfe der bereits geschlachteten Schafe verbrannten, sowie Fettlappen und sonstige Überreste. Kleinere Kinder schleppten immer weitere Tierreste von Zuhause heran und erfreuten sich an ihrer Tat. Für sie war es ein ganz normales Ritual, ein großes Fest und nichts Neues!

Die Medina war nicht mehr wiederzuerkennen und ich war mir sicher, dass Touristen, wenn sie denn heute erst anreisten, den Kulturschock ihres Lebens bekamen! Man könnte nämlich meinen man wäre im Land von Kannibalen angekommen und dieser Zustand wäre ganz normal! Auch kann man ja an den 3 Tagen nicht wirklich viel von Marrakesch erleben, bis auf ein paar offene Restaurants, denn alles hat wirklich geschlossen. Genauso wie bei uns zu den Weihnachtsfeiertagen.

Die Schafe…

Bei seiner Mama angekommen, traf ich schon auf einige der Familienmitglieder an und 2 Schafe, die im Hausflur standen und die letzten Tage schön zugefüttert wurden und mit den Kindern spielten. Es war ein normales Einfamilienhaus auf 3 Etagen welches oben offen war, so wie wir es ja auch von den Riads kennen.

Das Wohnzimmer bestand aus einem Sofa und 2 kleineren Kämmerchen wo ebenfalls Sitzgelegenheiten für alle waren. Die 12-jährige Enkeltochter verteilte Tee und Kekse während ihre Mutter mit ihrer Schwiegertochter nervös durchs Haus liefen. Und dann kam er, der Schlachter der von Haus zu Haus ging, um den Familien beim Opfern zu helfen. Wir saßen alle auf unseren Sofas, als würde man sich einen Film anschauen und sollten zuschauen. Kennt ihr die Szene im Horrofilm wo man sich dann vor lauter Schiss halb die Hand vor die Augen hält? Genauso saß ich da!

Zu dritt brachten sie die Schafe ins Wohnzimmer, hielten es fest und schnitten ihnen die Kehlen durch. Da konnte ich mir wirklich einen kleinen Aufschrei nicht sparen. Danach knabberte der Schlachter mit seinen Zähnen an den Gelenken der toten Tiere, um das Fell besser abzuziehen und die Damen fingen an zu wischen.

Zu dritt brachten sie die Schafe ins Wohnzimmer, hielten es fest und schnitten ihnen die Kehlen durch. Da konnte ich mir wirklich einen kleinen Aufschrei nicht sparen. Danach knabberte der Schlachter mit seinen Zähnen an den Gelenken der Tiere um das Fell besser abzuziehen und die Damen fingen an zu wischen.

Ein kleiner Grill wurde angemacht, Gehirn in Fettmassen eingerollt sowie Leber und Herz darauf aufs Feuer gelegt.

Oliven sind eigentlich so überhaupt nicht mein Ding aber ganz ehrlich? An diesem Tag, wo ja nur die ersten Teile des Schafes wie Organe usw. verzehrt werden dürfen, brachte ich davon kein Stück runter und verspeiste seiner Mutter zur Liebe die grünen und schwarzen Oliven.

Ich weiß ja, dass es ein heiliges Fest ist und man andere Bräuche irgendwie tolerieren sollte. Das hieß für mich aber die letzten Jahre nie wieder mich direkt danebenzusetzen… Und zum Glück erwartet dies auch keiner von Omar und mir – Was ein Glück!

Was mich aber extrem schockierte, war die Tatsache, dass kleine Kinder aus den Familien tagelang oder sogar mehrere Wochen mit den Tieren spielen, sie füttern und auf sie aufpassen. Und das nur damit sie am Ende dabei zuschauen können, wie ihnen die Kehle aufgeschlitzt wird. Das erklärt dann aber auch irgendwie das falsche Verhalten von vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen der Tierwelt gegenüber! Einige haben es ja nur so kennengelernt…

Schlachtfest in Marokko
Jetzt vor kurzem erst fand ich dieses “Schlachtfest super Angebot” im Supermarkt. So eine Art Aldi oder Lidl

2 Comments

  • uta

    “Das erklärt dann aber auch irgendwie das falsche Verhalten von vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen der Tierwelt gegenüber! Einige haben es ja nur so kennengelernt…”

    oh ja,auch das habe ich in marokko kennengelernt. ich hatte meinen hund dabei. rechts vom flussufer… armenviertel war der hund ein aussätziger. links vom flussufer, gute gegend, offenen menschen, war alles normal wie in europa, hund durfte rum rennen, keiner hat ihn angespuckt oder angegriffen.. usw..

    • Fobo2019

      Hi Uta!

      Du hast recht, es gibt so Einige, die Tiere echt nicht gut behandeln. Dann hast du aber wieder Welche, die sich rührend kümmern. Meistens mehr in den Küstengebieten als in den Städte. Tiere sind halt Nutzviecher, wie z.B. die Katze vor Mäusen, Kakerlaken, Skorpionen und Ratten schützt, der Hund vor Eindringlingen und Pferde, Maultiere sowie Esel als Transportmittel dienen. Hier gehört ein Tier in der Regel nicht ins Haus. Aber das ist etwas, was du nicht ändern kannst…

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