Das Leben in Marokko

Henna in Marokko – Auch eine jüdische Tradition

Ich wollte euch mal wieder etwas sehr typisch marokkanisches schreiben, etwas Traditionelles von hier. Und was fällt einem da spontan ein?! Klar, Henna in Marokko!

Aber dann ist mir wieder eingefallen, dass ich mal hörte, auch die Juden, die ja hier schon seit Ewigkeiten lebten, Henna Prozeduren als Brauch hatten. Fand ich doch gleich viel interessanter, als über etwas zu berichten, was die meisten schon kennen! Viele wissen ja auch nicht, dass es hier in Marokko ganz normal war, Juden als Nachbarn zu haben.

Jaahh, dieses Land hat so viele geheimnisvolle Dinge, von denen ich euch in meinem Marokko Blog gerne immer wieder erzähle!

Die jüdische Henna Tradition in Marokko

Auch bei den marokkanischen Juden waren Henna-Zeremonien ein wichtiger Bestandteil des rituellen Lebens der Gemeinde. Wie bei vielen anderen jüdischen Gemeinden in der Diaspora auch, wurde Henna für Übergangsriten und Lebenszyklus Zeremonien verwendet. Wie zum Beispiel bei Geburtsritualen, Entwöhnung, Pubertät und Heirat. Also schon zu mehreren Ereignissen!

In der achten Nacht, nach der Geburt eines Sohnes zum Beispiel, fand solch eine Henna Zeremonie vor seiner Beschneidung statt. Frauen versammelten sich im Haus der Mutter, um miteinander zu singen, zu essen und Henna aufzutragen. Die Männer lasen währenddessen eine Auswahl aus dem Sohar vor (ein mystisches Werk auf Aramäisch, von dem angenommen wird, dass es schützende Eigenschaften hat). Diese Nacht galt als die gefährlichste für das Kind, daher wurden diese zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um es zu schützen.

Eine andere einzigartige Zeremonie war die Kittab. Diese wurde sowohl in Südmarokko als auch in Teilen Algeriens praktiziert. Es war eine Übergangszeremonie, bei der kleine Kinder im Alter von etwa fünf Jahren zu Beginn ihrer formalen Ausbildung begrüßt wurden. Sie wurden mit Henna bemalt und in feine Kleidung gesteckt. Am Shavuót Feiertag ging es dann zu einer großen Prozession in die Synagoge.

In der jüdischen mystischen Tradition wird Shavu’ot als symbolische Ehe zwischen der Tora und dem Volk Israels gesehen. Kinder, die bald eingeschult werden, sind also wie Braut und Bräutigam. Die kleinen Jungen wurden mit kleinen Mädchen zusammengetan und der Rabbi schrieb ihnen in der Synagoge einen Hochzeitsvertrag in Honig auf ein Stück Papier, dass die Kinder dann fröhlich aufleckten.

Henna in Marokko
Eine Henna Tasche aus dem frühen 20. Jahrhundert in Marrakesch. Beschrieben in Französisch und Judeo-Arabisch, dem jüdischen Arabisch Dialekt in hebräischen Buchstaben.

Im hohen Atlas und anderen Regionen

Für jüdische Gemeinden, die im hohen Atlas lebten, war es auch üblich, eine Henna-Zeremonie für Kinder abzuhalten, wenn diese sich etwas abgewöhnt hatten, der 5. Zahn da war oder das erste Mal ein Haarschnitt verpasst wurde. Auch süß, oder?

Marokkanische Juden hielten sowohl im Süden als auch im Norden eine besondere Henna-Zeremonie für Jungen am Abend vor der Bar Mitzwa Feier ab. Morgens wurde der Junge erst zum waschen ins Hammam (öffentliches Bad) gebracht und danach bekam er vom Friseur einen besonderen Haarschnitt. Am selben Abend hielt seine Familie dann ein festliches Essen im gemeinsamen Haus ab und er bekam die Tefillin und den Tallit (ritueller Schal) überreicht, die er als Erwachsener tragen würde. Außerdem hielt er eine kurze Rede über die zugewiesene Tora-Portion für diese Woche. Der Rabbi gab ihm seinen Segen und die Handflächen des Jungen wurden mit Henna bemalt.

Henna in Marokko wurde also entweder als Schmuckstück gesehen, um Feiertage zu feiern oder Rituale zu vollziehen. Ein britischer Oberst schrieb 1842, dass Juden in Taza, im mittleren Atlas, ihre Hände für das Passahfest mit Henna bemalen würden. Nahum Slouschz, ein berühmter jüdischer Gelehrter und Erzieher, erzählte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass es für jüdische Frauen in der Region Ouarzazate (im Süden Marokkos) üblich war, sich auch am Sabbat zu bemalen.

Henna in Marokko
Eine kleine Tefillin Tasche aus Marokko

Jüdische Hochzeiten

Eine der wichtigsten Henna-Zeremonien war die Vorbereitung einer Hochzeit. In vielen marokkanisch-jüdischen Gemeinden gab es mehr als eine Henna Nacht, so wie es ja sonst in Marokko üblich ist. Aber hier sogar zwei, drei oder ganze acht! Der Braut wurde während der Zeremonie Henna gemischt mit Nelken, Zucker und einem Ei ins Haar aufgetragen (Auch bekannt als Azmomeg). In einer anderen Zeremonie wurden Hände und Füße der Braut (und manchmal auch die des Bräutigams) mit Henna bemalt. Henna war symbolisch als Stärke und Schutz vor bösen Blicken und bedrohlichen Geistern gesehen.

In einigen Gemeinden in Marokko wurde Henna von professionellen Künstlern mit einer Nadel, einer Feder oder einem dünnen Stab in bestimmten Mustern aufgetragen. Der jüdische Italiener Samuel Romanelli schrieb im Jahr 1792, dass jüdische Bräute in Marokko “seltsame Muster” mit einem schwarzen Farbstoff (höchstwahrscheinlich Harqus, eine Art Gallustinte) und mit Henna an den Händen im Gesicht hatten. Diese Beschreibung wurde auch vom britischen Arzt William Lempriere bestätigt, der 1793 schrieb, dass jüdische Bräute mit einer Nadel “eine Vielzahl von Figuren” in Henna auf ihre Hände gezeichnet hatten.

Isaac Benchimol, Lehrer bei der Alliance Israëlite Universelle, schrieb 1888: “Während der Zeit vor dem Hochzeitstag, dem Tag des Hennas, ist das Haus der Braut sehr belebt. Die Braut und ihre Freundinnen sitzen zusammen und bemalen ihre Hände mit verschiedenen Henna Mustern, die oft wunderschön aussahen. Und damit diese am Ende auch im kräftigen roten Ton erstrahlten, hielt man die Hände übers Feuer.”

Henna in Marokko
Ein jüdisches Hochzeitspaar in Rabat, ca. 1911

Soweit es beurteilt werden konnte, da es ja schon einige Zeit zurückliegt, waren die Entwürfe der Muster denen ihrer muslimischen Nachbarn sehr ähnlich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wickelten jüdische Frauen Fäden um die Finger, um Resist Entwürfe zu erstellen (eine ähnliche Technik wurde bis in die letzten Jahre von den Juden von Djerba praktiziert). In anderen Gemeinden wurde das Henna einfach über die Hände und Füße gestrichen.

Bei jüdischen Hochzeiten in Amizmiz und Marrakesch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, warfen Frauen Henna in die Ecken des Raumes, damit der Geist nicht auf die Braut eifersüchtig wurde. Damit wurde er drum gebeten der Braut bitte keinen Schaden zuzufügen und als Geschenk konnte er das Henna behalten. Wenn in Sefrou, eine Stadt in Marokko, ein Jude von einem Geist in Mitleidenschaft gezogen wurde, bereitete er ein Opfer vor, das als ‘Ar, eine Form des Dienstes bekannt ist. Henna, Koriander, Öl und ein Schal wurden dem Geist mit den Worten geopfert: “„Ich biete dir das an, weil ich dir Unrecht getan habe. Ich bin wie eines deiner Kinder. Vergib mir und verzeih mir. Der Koriander ist für dich und das Henna für deine Kinder.”(Ähnlich wie hier benutzten algerische Juden Henna, um jemandem zu helfen, der krank geworden war, weil ein Geist oder ein schlechter Dschinn einen negativen Einfluss hatte.)

Die Juden in Marokko betrachteten die Henna-Pflanze als besonders schützend und segnend, ähnlich wie ihre muslimischen Nachbarn es Baraka nannten. In jüdischen Häusern in Marokko wurde häufig eine Hamsa oder stilisierte Hand in Henna an die Wand gezeichnet, um die Bewohner des Hauses zu schützen. Vor dem Umzug in ein neues Haus streuten die Juden in Tlemcen (Ostmarokko) Henna-Pulver in die vier Ecken jedes Zimmers und ließen es über Nacht dort, um die im Gebäude lebenden Geister zu beruhigen, damit sie ihren menschlichen Mietern ein friedliches Leben ermöglichen konnten. Auch dieser Brauch wurde unter algerischen Juden praktiziert.

Henna in Marokko
Junge jüdische Frauen nach ihrer Henna Zeremonie in Rachidia, ca.1936

Weitere interessante Artikel von mir über Marokko kannst du dir hier anschauen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.