Das Leben in Marokko,  Meine Erfahrungsgeschichten

Auswandern nach Marokko – Teil 1

Oft werde ich von Touristen, meinen Gästen und anderen Menschen die ich hier so treffe gefragt:” Auswandern nach Marokko?! wie kam es eigentlich dazu?!“, ″ist es nicht schwer hier so ganz allein als junge Frau?“…

Natürlich scheint es für viele sehr interessant zu sein, auszuwandern, so weit weg von Zuhause. Den Mut aufzubringen alles hinter sich zu lassen und einfach zu gehen… Klar, ist ja auf jeden Fall mal was anderes …

Bestimmt wegen der Liebe…

Viele denken auch oder meinen direkt zu wissen, dass ich hier im Urlaub jemanden kennenlernte und deshalb rüberkam. Dieses alte typische Klischee halt …

″Da hat sie sich über beide Ohren verliebt, Gehirn blockiert und brach alle Zelte ab um naiv hinter der Liebe herzurennen…”

Hmmm, hätte mir eventuell auch passieren können. Gerade in dem Alter von knapp 26 Jahren und bei all den hübschen Lockenköpfchen hier … Ist es aber nicht!

Aber gerne bringe ich es mal auf den Punkt und erzähle euch wie, weshalb, warum …

Dieser ewige Trott …

Alsooo.. Es sind jetzt schon fast 8 Jahre, die ich hier in Marokko, in Marrakesch lebe…Doch schon irgendwie lange, obwohl es mir zwar nicht wie gestern, aber doch erst wie letztes Jahr vorkommt!

″Damals“ war ich 25, hatte gerade meinen alten Arbeitsvertrag hinter mich gebracht und arbeitete in Bayern selbstständig, als private Deutschlehrerin für amerikanische Familien, die dort durchs Militär stationiert waren.

Ein super Job den ich Zuhause bei mir machen konnte, ein gutes Gehalt, viele tolle Schüler aberrrr irgendwie war es doch nicht so meins. Ich war schon von klein auf, würd ich sagen, sehr abenteuerlustig, brauchte Action.  

Als ich 20 war, lebte ich schon für 3 Jahre in der Türkei, in Alanya am Strand und genoss mein Dasein dort. Und dann nach so langer Zeit wieder in diesen deutschen Trott hinüber zu gehen? Das ging in meinem Fall überhaupt nicht!

Der immer volle Briefkasten, die Selbstständigkeit machte mich wahnsinnig, zu hohe Steuern, zu viel Arbeit und am Ende des Monats mal gerade soviel übrig das ich Miete, Strom und Lebensmittel zahlen konnte. Das ist und war auf jeden Fall nicht mein Leben! Auch mich dem gesellschaftlichen Trott zu fügen, mich nach meiner Haarfarbe, meiner Schlafenszeit und Essensroutine abstempeln zu lassen, ging gar nicht. Denn auch in Bayern, wo ich zwar nicht aufwuchs, aber dann durch meinen Job lebte, ist es als ″Lipper“ aus NRW nicht einfach Anschluss zu finden. Du weißt ja, “Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht”…

Einfach mal raus …

Ich fühlte mich nur noch schrecklich und war nicht glücklich. War befallen von dem Zwang weg zu müssen, aber wusste nicht wohin… Also machte ich mich online erstmal auf die Suche nach einem All Inklusive Urlaub. 10 Tage, wenn es ging, einfach mal raus, ein neues Land erkunden und mit der Kamera durch die Straßen ziehen…

Viele Angebote gab es, von Tunesien, Ägypten, Griechenland und Marokko war alles dabei… Wäre ich damals nicht mit meinen Eltern schon öfter in Tunesien gewesen, dann wäre ich bestimmt dorthin geflogen und wahrscheinlich jetzt auch dort, hehehe…

Denn ich wollte wirklich einfach nur weg….

Marokko, 1001Nacht…


Aber am Ende entschied ich mich für Marokko, für Marrakesch, die Stadt der 1001 Nächte…Lila, Bordeauxrot und golden farbig… Orientalisch, anders halt, mal was Neues erleben. Für nur 500 noch was Euro, Flug, Hotel, Frühstück, 10 Tage. Hörte sich für mich perfekt an! Würd ich zwar heute nicht nochmal tun, gerade jetzt wo ich schon ewig hier im Tourismus arbeite und meine Pappenheimer so kenne, aber damals funktionierte es!


Und nach 3 Wochen ging es dann auch schon los! Super happy, mit einer neu gekauften Canon, war ich auf dem Weg !Fühlte mich schon so richtig frei, war happy ein neues Abenteuer zu beginnen!

Auswandern nach Marokko

Obwohl mich am Flughafen ein schlecht gelaunter oder sagen wir, müder, mürrischer Abdou, von meiner Reiseagentur bestellt, in Empfang nahm, um mich mit samt Fahrer in mein Hotel zu eskortieren, konnte mich so überhaupt nichts aus meiner happy Urlaubsstimmung bringen. Nun ja, es war aber auch schon 2 Uhr morgens und Abdou war sicher schon seit 12 Stunden im Dienst, der Arme …

Meine Euphorie blockierte die Realität …

Auch war es nicht gerade schlimm, dass es keine Handtücher im Zimmer gab, kein Toilettenpapier. Ich ging zur Rezeption und bekam es. Was verlangte ich auch mehr bei dem All Inklusive Preis, den ich zahlte, denn auch Marokko ist eigentlich ein teures Urlaubsziel… Was man nicht alles so dazu lernt …

Naja egal, Hauptsache Bett und Bad waren sauber! Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, ging es dann los.

Obwohl die Türkei ja auch ″eigentlich“ islamisch veranlagt ist, trug ich dort immer, was ich wollte, auch mit nur Bikinioberteil und Shorts in den Supermarkt zu gehen war überhaupt kein Problem. Ein Leben am Touristenstrand halt, mit Bier und Stranddiskotheken … Deshalb zog ich mir auch hier eine kurze knappe Hotpants an, T-Shirt, Flip-Flops, Kamera um den Hals und ab ging es. Schließlich hatten wir noch September und an die 30–35 Grad.

Die orientalischen Märkte warteten auf mich!

So schnell wie möglich wollte ich in die alte Medina, die ich von Pinterest und Co. her schon kannte. Halt nur virtuell aber noch nicht praktisch. Ich wollte durch die engen Gassen schlüren, Fotos von Menschen und Häusern machen, lecker essen gehen und einfach nur relaxen …

Mein Hotel lag im europäischen Teil, ca. 2 km zu Fuß von der Altstadt entfernt.

Ich versuchte mich an den Straßenschildern zu orientieren wo drauf stand “Medina!. Verlief mich natürlich abundzu aber erreichte am Ende immerhin die mein Ziel! Ein großes Durchfahrtstor befand sich vor mir und dahinter begannen die kleinen Gassen.

Die Gassen waren staubig, die Mauern leicht rostfarbend gestrichen und der Putz blätterte an vielen Seiten schon ab. Aber das war es ja was ich wollte! Mal was anderes als schnieke Einfamilienhäuser um mich herum. Es war hier alles noch viel authentischer. Man hätte meinen können man läuft durch die Gassen Baghdads!

Staubige Gassen und Chamäleons

Im Großen und Ganzen hatte ich auf jeden Fall eine abenteuerliche Zeit! Es war sehr abwechslungsreich, denn Marrakesch besteht aus sooo vielen Welten in einer! Von den bunten Basaren, kleinen Gassen, verschleierten Frauen bis hin zu Edelnachtclubs und Range Rovern. Es gibt einfach sooo viel zu erleben und zu sehen! Auch arbeiteten meine Sinne auf Hochtouren wegen der Tausend verschiedenen Gerüche, Farben und Geräusche zur gleichen Zeit! Dazu musste ich ständig auch noch aufpassen, dass ich nicht von einem trabenden Esel oder rasendem Moped umgeschubst wurde!

Und da waren sie dann, die kleinen Holzkäfige vor mir am Rande der Gasse. Da drin saßen kleine Schildkröten und Chamäleons klammerten sich am Gitter fest. Wowww, dachte ich! Wie faszinierend und auch toll das die Menschen hier so etwas als Haustier halten!

Die “Apotheke”

Während ich davor stand, kam eine hübsche noch sehr junge Marokkanerin aus ihrem Geschäft. Ich war ganz erstaunt das sie garnicht verschleiert war! Ganz im Gegenteil! Sie trug eine hautenge Jeans und ein enges Top. Ihre Haare waren zu einem Zopf zusammen gebunden.

Sehr nett begrüßte sie mich und lud mich auf einen frischen Minztee ein. Den ich natürlich happy annahm. Im Geschäft selber standen zig Gläser voll mit irgendwelchen Kräutern, Ästchen und buntem Pulver. Sie gab mir den Tee und erklärte mir was sie da wohl alles so hatte.

Sehr euphorisch machte ich Fotos und kaufte natürlich im Wert von mehr als 30 € nicht mal echte Perfumes in allen möglichen Variationen wie Amber, Musk und noch so andere …

Genau, dies war die Art von Apotheke vor der ich jetzt alle warne! Touristenabzocke hoch 10!

Kurz nachdem ich zahlte, verschwand “Aicha” und ein anderer junger Mann kam in den Laden. Dieser wollte mir noch das Haus zeigen. Klar, das Haus wo sein “Onkel” oben unterm Dach eine Wohnung aus den tollsten Teppichen hatte! Aber zum Glück war ich da echt noch sooo naiv und gutgläubig das ich den Wink echt nicht verstand und auch nichts kaufte. Ich wunderte mich schon wieso der nette Onkel immer schlechtere Laune bekam!

Auswandern nach Marokko

Der bittere Nachgeschmack tauchte zwischendurch mal immer kurz auf!


Was natürlich nicht so schön war und sehr störend: Viele Männer jeden Alters flüsterten mir hinterher und versuchten mit mir in Kontakt zu kommen… Machten wirklich beleidigende Kommentare über meine Körperformen oder boten mir anderen Service an. Hat bestimmt zum Teil auch an meinen Klamotten gelegen, sicher. Aber heute weiß ich das es auch Damen in Burkas, passiert was echt sehr sehr unangenehm werden kann… Aber letztendlich kann man daran nicht wirklich viel tun, nur versuchen seinen Urlaub so schön und aufregend weiterzuführen!

Wäre mir all dies damals mehr aufgefallen, wäre mir der Gedanke nach Marokko auswandern bestimmt nicht in den Sinn gekommen!

Auswandern nach Marokko

Etliche Geschäfte hauten mich mit weit aus viel zu hohen Preisen übers Ohr. Ich aß super leckere marokkanische Gerichte in verschiedenen Restaurants und wurde von einem netten Marokkaner mit seinem Moped durch die Altstadt gefahren weil er mich vor bösen Lederverkäufern retten musste.

Ich ritt auf einem Kamel durch die Palmwüste, machte einen Tagesausflug in die Berge mit anderen netten Gästen die ich nicht kannte. Ging abends im leichten schwarzen Sommerkleid in die super modernen, orientalischen Nachtclubs und genoss auf jeden Fall meine Zeit.

Auswandern nach Marokko

Geld oder Sex …

Klar gab es auch Situationen aus denen ich verschwinden wollte, die mich total nervten und die so gar nicht zu meiner happy Urlaubsstimmung passten…

Zwar fasste mich niemand an, trotzdem merkte ich schnell das es hier meistens nur um Geld ging…Oder um Sex. Für jedes bisschen wurde etwas verlangt, egal ob für Fotos oder nach dem Weg fragen!

Bis auf Aicha, traf ich keine anderen marokkanischen Mädels. Ich denke man trifft die moderneren eher im europäischen Teil Marrakeschs. Die, die studieren wollen und Selbständigkeit anstreben. Von denen gibt es nämlich auch welche in Marokko.

Manchmal wollte ich mich einfach nur unterhalten. Mehr über Kultur und Tradition erfahren. Aber alle Männer, wirklich alle, erhofften sich dann irgendwelche besonderen Aktivitäten die ich überhaupt nicht im Sinn hatte. Ganz im Gegenteil war ich glaub ich die Einzige, die nicht mit jedem in die Kiste springen wollte. Und ich bin keine Muslimin. Denn laut Religion, die ja hier sonst auch jeder einhält, oder sagen wir versucht einzuhalten, ist es ja eine Schande Sex außerhalb der Heirat zu haben. Aber diese Art von Doppelmoral hab ich dann nachdem ich nach Marokko ausgewandert war, noch etliche Male näher erfahren dürfen.

5 Tage kamen mir vor wie eine Ewigkeit !

Das alles, erlebte ich in den ersten Tagen, was auf jeden Fall schon enorm viel ist! Mir kam es so vor, als wäre ich schon 3 Wochen hier! 

Die restlichen 5 Tage zog ich mir leider eine Lebensmittelvergiftung zu weil ich irgendwo etwas aß, was mir überhaupt nicht gut bekam…

Es kann an altem Hähnchen in der Tajine gelegen haben oder an irgendeinem Milchprodukt das für uns Deutsche nicht ordnungsgemäß gekühlt gelagert war…Woran es wirklich lag, weiß ich nicht genau, war aber auf jeden Fall mal eine extreme Erfahrung!

Mein Reiseleiter kam wieder ins Spiel


Aber zum Glück war da ja mein “mürrischer Reiseleiter Abdou”.  Dieser sollte nämlich alle 2 Tage ins Hotel kommen und versuchen mir irgendwelche Tagesausflüge zu verkaufen und nach dem Rechten schauen.

Als er mich dann aber nirgends finden konnte und der Rezeptionist ihm sagte, er hätte mich seit 24 Stunden nicht angetroffen, kam er oben zum Zimmer und fand mich im schlimmsten Zustand. Neben der Toilette, im selbst errichteten Schlaf Camp, da dies der einzige Ort war an dem ich mich noch aufhalten konnte. Solch Lebensmittelvergiftungen sind nämlich echt doof, man fühlt sich so, als würd es aus allen Löchern gleichzeitig heraus kommen! Also am besten davon fern halten und lieber etwas mehr im Restaurant für frische Gerichte zahlen…


Abdou, der ja schon mal in Deutschland lebte und nebenbei perfekt Deutsch sprach, war sehr besorgt und rief einen Arzt an. Dieser kam auch schnell und für nur umgerechnet 7 Euro bekam ich ein Antibiotika und etwas um den Magen zu beruhigen.

Mein neues ” Hotel”

Da ich aber gepflegt werden sollte, nahm Abdou mich mit zu seiner Mutter nach Hause.

Die natürlich erstmal nicht schlecht staunte, aber auch nicht wütend darüber war, dass ihr lieber Sohn einfach so ein fremdes, dazu noch europäisches Mädel, mit nach Hause brachte. 

Naja, in meinem Fall war es vielleicht aber auch etwas anderes, schließlich brauchte ich wirklich Hilfe und war froh dort zu sein anstatt in diesem Hotelzimmer allein vor mich hin zu vegetieren …

Auch wenn es alles etwas einfacher war, wie die Familie hier lebte…

Auswandern nach Marokko

Eine einschneidende Erfahrung wartete auf mich

Der Stadtteil, Bouskri,in dem sie wohnten war einer der ärmsten Teile der alten Medina. Etwas weiter entfernt von den Touristen Attraktionen aber immer noch in der Altstadt. Nicht unweit vom jüdischen Teil Mellah.

Staubige kleine Gassen, von Feuchtigkeit durchfressene Gebäude aber dennoch sehr ruhig gelegen. Ein mittelgroßes Haus das stets nach frischem Minztee roch. Im dunklen, winzigen Hauseingang parkten die Mofas der beiden Geschwister. Gerade dort, wo es so schattig war, bröselte der Putz extrem von den Mauern.

Rechts eine Toilette die ein weißes Toilettenbecken im Boden besaß und gleichzeitig als “Duschzelle” benutzt wurde in der man sich mit Eimern waschen konnte. Also eine Toilette die nur ein Loch im Boden hatte. Sie war aber sehr sauber. Was für mich erstmal sehr “anders” war. Obwohl ich ja schon öfters Löcher im Boden als Toilette benutzen musste, war das duschen dann doch eine andere Geschichte! Obwohl es sauber war, ging es natürlich nicht ohne Flip Flops. Das Wasser musste vorher in der Küche erwärmt und dann in einem Eimer runter in die Dusche gebracht werden. Dann hat man ca. 5 Liter Wasser um sich mit einem kleinen Pöttchen Haar und Körper zu waschen. Schon eine Erfahrung. Und da drin, in dieser kleinen Nasszelle, muss man sich ja auch an-, und ausziehen …

Aber auch daran gewöhnt man sich komischer Weise …

Ein heller Innenhof nach oben offen, ohne Dach damit frische Luft durchs Haus zog. Abgenutzte, gelb-blau gemusterte Fliesen an den Wänden und einem weißen Geländer in der ersten Etage wo die Spatzen drum herum flogen, auf der Suche nach Brotkrümeln.

5 Zimmer ohne Fenster um Schatten vor der heißen Sonne zu haben die auf beiden Etagen vom Innenhof abgingen und als Schlaf,- und Wohnzimmer benutzt wurden. Eins davon war das heilige Besucherzimmer seiner Mutter das natürlich abgeschlossen war und dessen Schlüssel in ihrer Schürze wachsam behütet wurde. 

Achja, und dann die kleine alte Küche in der 1. Etage. Mit einem Gaskocher der auf dem Boden stand, einer alten Spüle, an der Decke aufgehängtem Kochgeschirr und Teller die im Holzregal standen.

Im Großen und Ganzen, alles sehr simpel, schon sehr ärmlich aber auf jeden Fall ausreichend zum leben – Man hatte ja alles was man brauchte.  Wenn man kochen wollte, lief man schnell zum nächsten kleinen Kiosk an der Ecke und kaufte was man brauchte –  Schnell und einfach.

Nicht so wie bei uns, wo man sich erstmal zurecht machen und zum Edeka oder Lidl fahren muss…

Auswandern nach Marokko

Eine total andere Welt

Und jaahh, hier lebte ich die letzten 4 Nächte meines Marokkourlaubs mit Abdou und seiner Familie, die aus seiner Mutter die so an die 60 Jahre alt war , seiner 22 jährigen Schwester die im Nachtclub an der Garderobe im europäischen Teil arbeitete und seinem 20-jährigen Bruder der im Moment arbeitslos war, bestand.

Die beiden älteren Schwestern waren schon verheiratet und wohnten mit ihren kleinen Kindern außerhalb der Medina.

Was mit seinem Vater war, wusste ich nicht. Mal sagte Abdou die Eltern wären geschieden und mal war er wohl Alkoholiker der in der Neustadt lebte. Über ihn wurde aber nie viel gesprochen.

Ich durfte im “heiligen” Wohnzimmer mit den schönen Gold-roten Sofas übernachten und dem hellen weichen Teppich. Alles roch nach frischem Heu, da alle Möbelpolster damit ausgestopft waren. Niemand störte mich, man brachte mir regelmäßig etwas zu essen wie hausgemachte marokkanische Suppe (Harira), frischen Minztee und Brot mit Eier um wieder zu Kräften zu kommen.

Ausser mit Abdou konnte ich mich leider mit niemandem verständigen, was aber auch so alles ganz gut klappte. Mit Händen und Füßen ging es immer. Aber irgendwie fühlte ich mich trotzdem etwas schlecht das ich deren Hilfe in Anspruch nahm, obwohl sie ja offensichtlich nicht viel hatten.

Es gibt sie, die ehrlichen Menschen hier

Abdous Job zahlte ihm an die 180 Euro Monatsgehalt und der Lohn der Schwester durfte auch nicht viel mehr gewesen sein. Ansonsten wurden sie von anderen Familienangehörigen unterstützt. Aber trotzdem fragte man mich nie nach Geld und wollte auch nichts haben, auch wurde ich nicht einmal von Abdou oder seinem Bruder angemacht oder bekam andere Anmerkungen oder Annäherungen zu spüren. Da hab ich wirklich schon andere Horror Geschichten von Mädels gehört.

Ich denke dadurch das er bereits 2 Jahre in Deutschland verbrachte um dort zu studieren, hatte er bereits ein viel offeneres Weltbild, verstand mich in meinem Denken, meiner Mentalität und Kultur und auch das ich nicht hierher gekommen bin um nach Männern zu jagen. Ich denke ich hatte wirklich großes Glück einen neuen Kumpel wie ihn, der so gastfreundlich war, in Marrakesch zu begegnen, was auch hier anders enden kann…

Wenn ich heute zurück denke, hab ich von dieser Art Mensch, eigentlich nur eine Handvoll hier getroffen, da es super schwierig ist Freundschaften aufzubauen ohne das der andere irgendwelche Hintergedanken hegt und sein Nutzen draus ziehen möchte. Oder das ich denke oder mich frage warum er oder sie mit mir Kontakt haben möchte…

Ist es ernst gemeint oder stecken nur andere Absichten wie Finanzielles, Aufenthalt oder Sex dahinter… Aber hier mit diesem Kontakt hatte ich wirklich Glück!

Zurück in Deutschland …

Zurück in Deutschland, wieder kerngesund, den vollen Briefkasten geleert und im alten Trott, stellte ich schnell fest das dies hier nicht meine Welt ist. Ich brauchte diese moderne Dachgeschosswohnung mit brandneuem schwarz weißem Hochglanz-Bad, dunkelbraunem Laminatboden und Cerankochfeld nicht – All das machte mich nicht glücklich. Ich brauchte Freiheit, ein simples Leben, ohne Druck und Stress, normale Menschen um mich herum die das Leben zu schätzen wussten! 

Auch ging mir das ständige Genöhle auf den Zwirn…Egal wo man war, beim Arzt im Wartezimmer, in der Bahn oder im Supermarkt – Die Menschen haben mehr als genug aber beschweren sich trotzdem nur! Klar war es auf jeden Fall gut irgendwie abgesichert zu leben, für die Rente vorzusorgen, eine Krankenversicherung zu haben etc… Aber der Preis der Isolierung war mir einfach zu hoch. Schließlich lebe ich doch nur einmal, keiner weiß wann sein Herz müde wird und wann es vorbei ist – Eine Garantie gibt es schließlich für nichts!

Noch ein weiterer Grund manchmal einfach schnelle Entscheidungen zu treffen um so zu leben wie man es möchte, wie es einen glücklich macht! Was haben wir denn von all dem Geld, von den Versicherungen wenn wir mal von der Erde gehen? Denn sterben tun wir allein, mit nichts…

Und um der ganzen Misere schnell ein Ende zu setzen, kündigte ich meine Wohnung, sagte meinen Schülern Bescheid das ich in den nächsten 3 Wochen ins Ausland gehe, sie aber gerne weiterhin ihren Unterricht via Skype mit mir haben könnten und inserierte meinen Haushalt auf Ebay Kleinanzeigen.

Schnell war auch dies alles weg und ich saß im Flieger nach Marokko, mit ca. 2000€ Startkapital, meinem Laptop, Klamotten und überhaupt keinem richtigen Plan was ich denn eigentlich so machen wollte – Aber ich hatte ja meine Schüler die erstmal bei mir blieben und somit war mein Einkommen für die nächsten Monate abgesichert…

Das ich irgendwann mal 2 Touragenturen in Marrakesch haben würde, daran hätte ich im Traum nicht gedacht…

Rückblickend auf meine damalige Entscheidung

Hab ich diese Entscheidung eines so neuen Lebens mal zwischendurch bereut? 

Wenn ich die ganzen 8 Jahre zurück denke, an alle meine tollen und negativen Erfahrungen hier, an mein öfters gebrochenes Herz, an all die tollen Menschen die ich hier traf, an mein Denken das sich hier total veränderte dann überhaupt nicht! Aber es hat Spuren hinterlassen, zum Teil auch tiefe Narben. Wenn ich dann an diese Momente denke, würde ich es nicht nochmal machen. Momente die voller Angst waren, Wut, Hilflosigkeit und Enttäuschung!

Aber auch schlechte Erfahrungen gehören zum Auswandern mit dazu – schließlich ist dies ein so ganz anderes Land in das man sich erstmal einfinden muss. Die Mentalität, Kultur, Religion und alles andere was dazu gehört, ist nicht immer einfach zu verstehen. Aber wenn man dies erstmal studiert hat, mit den richtig einheimischen Menschen Wand an Wand lebte und weiß wie und wann man sich am besten distanziert, dann funktioniert es einigermaßen… Manchmal aber auch nicht.

Heute, auch wenn ich oft total genervt von den Menschen bin wie sie so arbeiten, wie sie mit den Tieren umgehen, einen für dumm erklären, auch heute würde ich es vielleicht nochmal tun. Ich bin mir nicht sicher. Es sind gemischte Gefühle.

Gerade zwischen 20 und 30 ist es alles nicht so schlimm mal umher zu tingeln. Jetzt mit 34 wird es schon schwieriger, gerade wenn man in einer festen Beziehung steckt. Auch wünscht man sich mehr Ruhe, weniger Drama.

Im Großen und Ganzen hat Marokko mich auf jeden Fall, in meinen Augen, zu einem besseren Menschen gemacht. Wie zum Beispiel im Denken, im Tun und Handeln und so wie ich mit Anderen umgehe. Wie ich die Welt sehe und zwischen Gutem und Schlechtem unterscheiden kann. Marokko ist auf jeden Fall eine Schule fürs Leben. Kein Studium, keine Ausbildung oder sonst irgendwas was auf dem Zertifikat stehen kann, lehrt dich soviel übers Leben wie hier .

Was ich auch mit Gewissheit sagen kann, ich schwebe auf jeden Fall nicht mehr als reiner Gutmensch so durch die Weltgeschichte. Ich vertraue nicht Allen in der ersten Sekunde, gebe weniger Chancen, bin viel viel misstrauischer geworden und so leicht kann man mich nicht mehr übers Ohr hauen.

Hat natürlich auch gute und schlechte Seiten.


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Hier geht es zum zweiten Teil meines Auswander Lebens in Marokko – Wie es mir den ersten Monat so erging!

Viel Spaß beim Lesen!



7 Comments

    • Nadine

      Hi Katharina!
      Vielen lieben Dank, ich freue mich sehr das sie Dir gefallen 💕 Und jaahh, Marokko ist ein wunderschönes Land welches aus sooo vielen Welten besteht! Alles Gute 🍀 wünsch ich dir weiterhin 😍

  • Ronald Brede

    Hallo Nadine, es macht mir Spaß deine Geschichte zu lesen. Ich finde es wirklich sehr mutig von Dir, das Du diesen Schritt gegangen bist. Ich wäre dazu viel zu feige. Ich schaffe es ja noch nicht mal mir meinen Urlaub alleine im Internet zu buchen. Meine Kollegen belächelt mich immer und wenn ich dann mal frage, ob mir mal jemand dabei helfen kann, dann heisst es: du schaffst das schon. Ich habe nicht um Sex gebeten, ich brauche nur mal Starthilfe. Ob es jetzt das Alter ist oder nicht, mag ich nicht zu sagen. Mit Anfang 20 auszuwandern, ist sicherlich einfacher als so einen Schritt mit Mitte 50 zu gehen. Daher bewundern ich Deinen Entschluss und lese sehr gerne deine Geschichte.
    Mach weiter so.
    Lieben Gruß Ronald

    • Nadine

      Lieber Ronald!
      Ich find es ganz toll das du dir so viel Zeit genommen hast diesen schönen Text hier zu verfassen 🤗 Lieben Dank dafür! Und jaahh, das Leben und wie man von anderen wahrgenommen wird, ist nicht immer einfach. Die Art und Weise wie ich damals ausgewandert bin, würde ich auch nicht nochmal so machen. Auch jetzt mit 34 ändern sich so manche Blickpunkte 😂

  • Büke Karan

    Liebe Nadine, es ist rührend deine Geschichte zu lesen. Wenn ich sie lese, sind so viele Gedanken da, die auch aus meinem Munde kommen könnten. Selbst wenn ich – noch – nicht ausgewandert bin, kann ich mich wirklich gut in dich hineinversetzen. Auch deine unverblümte Art, wie du deine Erfahrungen niederschreibst, fesselt mich sehr. Ich bin sehr dankbar, dass ich dich kennenlernen durfte! Auch an dieser Stelle möchte ich mich für den gestrigen Ausflug samt allen Gesprächen im Atlas bei dir bedanken – you made my day! Schreib bitte weiter :-)) Liebste Grüße, Büke.

    • Fobo2019

      Liebe Büke!

      Ich freu mich wirklich sehr das du wirklich noch meinen Blog gelesen hast 💕 Und jaahhh, wenn ich mein Buch veröffentliche, bist du mit die Erste die eines zugeschickt bekommt 🤗

      Auch auf deinem Weg sowie bei deinen Plänen für die Zukunft wünsch ich dir weiterhin viel Kraft und Glück 🍀

      Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder, ich würde mich freuen 🤗

      LG,
      Nadine

      • Büke Karan

        Ich freue mich jetzt schon tierisch auf dein Buch und auch darauf, dass wir uns eines Tages ganz bestimmt wiedertrefffen werden. Liebe Grüße, Büke

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